| |

In der Zwischenzeit geht es mir gut

Über die Zeit zwischen dem, was war, und dem, was kommt — und warum sie sich so schwer bewohnen lässt.

Ergänzender Essay zum Workshop „Zwischenzeit“

[Die folgende Begegnung ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.]


Sie erzählt mir von früher. Dann erzählt sie mir von später.

Was war. Was kommen könnte. Und dazwischen eine Lücke, in die kein Satz fällt. Vielleicht aber Gedanken und Gefühle.

Ich höre eine Weile zu und merke, wie sie erzählt, bevor ich verstehe, was. Die Vergangenheit kommt mit gesenkter Stimme, als hätte sie noch eine Hand an ihrer Schulter. Die Zukunft kommt schneller, angespannter, schon halb im Widerstand gegen etwas, das noch gar nicht da ist. Nur die Gegenwart hat keinen Ton nur einen Ausdruck, den ich körperlich wahrnehmen kann. Sie überspringt sie jedoch, wie man eine Stufe überspringt, von der man weiß, dass sie knarrt.

Zwei Wellen

Ich frage, wie es ihr jetzt geht. Nicht letztes Jahr. Nicht, wenn die Sache entschieden ist. Jetzt, in diesem Raum.

Sie sieht mich an, als hätte ich nach etwas gefragt, das es nicht gibt.

Jetzt ist ja nichts, sagt sie. Jetzt warte ich nur, dass es vorbeigeht.

Ich lasse den Satz stehen.

Er stimmt und stimmt nicht. Es stimmt, dass gerade nichts entschieden ist. Es stimmt nicht, dass darum nichts ist. Zwischen der Welle, die eben über sie gegangen ist, und der, die sie kommen sieht, liegt ein Tal. Und in diesem Tal ist es, für einen Moment, ruhig.

Sie hält es nur nicht für Ruhe. Sie hält es für Warten.

Der Satz an der Wand

Ein Satz kommt mir in den Sinn. Er hing über Jahre im Umkleideraum eines Zen-Dojos, in dem ich lange in Gemeinschaft geübt habe. Man las ihn im Vorbeigehen, halb angezogen, zwischen draußen und Kissen:

Die Vergangenheit lässt mich nicht los. Die Zukunft macht mir Angst. In der Zwischenzeit geht es mir gut.

Das Wort Zwischenzeit benutzen wir sonst für das, was nicht zählt, was nichts bringt. In der Zwischenzeit erledigt man etwas nebenbei, überbrückt, wartet, bis das Eigentliche wieder beginnt. Die Zwischenzeit ist die Zeit, die man verstreichen lässt.

Der Satz dreht das um. Die Zwischenzeit ist nicht die Pause zwischen den Ereignissen. Sie ist der einzige Ort, an dem ich je bin.

Denn die Vergangenheit lässt sich nur erinnern. Die Zukunft lässt sich nur fürchten oder erhoffen. Bewohnen lässt sich allein das Dazwischen.


Wogegen sie sich wehrt

Ich frage sie, ob sie einen Moment hierbleiben mag. Nicht bei dem, was war, nicht bei dem, was kommt. Bei dem, was jetzt im Körper ist, wie es Ihr jetzt geht.

Sie atmet einmal aus, länger als vorher. Die Schultern gehen ein Stück nach unten. Kaum merklich. Aber da.

Und dann sagt sie den Satz, um den es eigentlich geht.

Wenn ich stehenbleibe, merke ich, wie wenig ich in der Hand habe.

Da ist es. Nicht die Unsicherheit selbst scheint sie zu treiben. Der Widerstand gegen die Unsicherheit treibt sie vielleicht mehr. Solange sie in die Zukunft plant und in der Vergangenheit sucht, hat sie zu tun. Sie ist beschäftigt mit dem, was sie beeinflussen könnte, statt zu spüren, wie viel gerade außerhalb ihrer Reichweite liegt.

Es sieht aus wie Handeln.

Das Tal zwischen den Wellen ist ruhig. Aber es ist auch der Ort, an dem sie der eigenen Ohnmacht begegnet. Und die will kaum jemand fühlen.

In der Gestalt würden wir sagen: Kontakt findet nur in der Gegenwart statt. Nicht mit dem Bild von gestern, nicht mit der Sorge von morgen — mit dem, was jetzt ist. Auch mit dem, was jetzt weh tut. Wer die Gegenwart überspringt, überspringt nicht nur die Ruhe. Er überspringt auch die Berührung und damit die seelische Tiefe.

Aufwachen oder tiefer träumen

Eckhart Tolle schreibt sinngemäß, dass Menschen mit den schweren Zeiten des Lebens sehr Verschiedenes anfangen. Die einen nutzen sie, um noch tiefer in den eigenen Albtraum zu sinken. Die anderen nutzen sie, um aufzuwachen.

Ich bin vorsichtig mit dem Wort aufwachen. Es klingt nach Erleuchtung, nach großem Licht, nach einem Zustand, den man erreicht und dann behält. So habe ich es nie erlebt. Wenn Aufwachen etwas bedeutet, dann etwas sehr Kleines: einen Moment nicht wegzulaufen. Einen Atemzug länger bei dem zu bleiben, was gerade ist, auch wenn es die Ohnmacht ist. Nicht, weil das angenehm wäre. Sondern weil es wahr ist.

Der Albtraum, in den man tiefer sinkt, ist meist gar kein Ereignis. Er ist die Geschichte, die man sich über das Ereignis erzählt, wieder und wieder, vorwärts in die Zukunft, rückwärts in die Vergangenheit. Aufwachen heißt nicht, die Geschichte durch eine schönere zu ersetzen. Es heißt, für einen Moment aufzuhören zu erzählen und da zu sein, mit dem was jetzt ist.


Ich kenne die Lücke

Ich kenne diese Lücke gut. Meine Art, sie zu schließen, ist lauter als das offene Warten. Ich plane.

Sobald etwas ungewiss ist, entwerfe ich. Möglichkeiten, Wege, Vorbereitungen. Ich fülle das Tal zwischen den Wellen mit Vorhaben, damit ich nicht spüren muss, dass ich mitten in ihm stehe und gerade nichts entscheiden kann oder will.

Das hat seinen Wert. Ich war oft vorbereitet, und manches, was ich früh bedacht habe, hat später getragen.

Und es hat seinen Preis. Ich war oft schon im nächsten Moment, bevor der jetzige zu Ende war. Ich habe das Tal überquert, ohne es je betreten zu haben. Die Ruhe, die dort gewesen wäre, habe ich mir nicht genommen. Nicht, weil sie nicht erlaubt gewesen wäre. Weil ich beschäftigt war.

Die Krise, die nicht aufhört

Es gibt Zeiten, in denen sich das im Großen wiederholt. Meist verstehen wir Zwischenzeit als den Abschnitt zwischen zwei Ereignissen. Zwischen der Krise und der erhofften Erleichterung. Wenn ich einen besseren Job finde. Wenn es mir gesundheitlich wieder besser geht. Wenn die Wirtschaft wieder wächst, wenn der Krieg vorbei ist, wenn das Klima sich erholt, wenn die KI unser Leben unterstützt, statt es zu kontrollieren.

Nur hört diese Zwischenzeit nicht mehr auf. Die Krise ist zum Dauerzustand geworden. Und mit ihr das Warten oder auch die gefühlte Starre.

Wer darauf wartet, dass die Zwischenzeit endet, wartet vielleicht sein Leben lang. Das Eigentliche, auf das hinzu man überbrückt, kommt nicht. Es gibt nur das Überbrücken.

Vielleicht sind das die Zeiten, in denen wir lernen, die Zwischenzeit anders zu sehen. Nicht als Warteraum. Als die kleine Entscheidung, jetzt hier zu sein, mit dem, was gerade ist.

Gerade bin ich sicher. Gerade bin ich traurig. Gerade habe ich Angst. Gerade fühle ich mich ohnmächtig. Gerade lache ich. Gerade weine ich. Und dann kommt der nächste Moment.

Das ist keine Technik. Es ist eher das Gegenteil einer Technik. Es verlangt nichts, außer dazubleiben.

Der Einwand

An dieser Stelle wird jemand widersprechen, und der Widerspruch ist gut. Kathrin Fischer hat ihn aufgeschrieben. Achtsamkeit, sagt sie sinngemäß, sei zur Ideologie geworden: Sie halte uns mit uns selbst beschäftigt, mache aus gesellschaftlichen Fragen private und verschiebe das Ziel vom Verändern zum Bewältigen. Und Ungerechtigkeit, schreibt sie, atmet sich nicht weg. Wer im Tal sitzt und ruhig wird, während die Welt brennt, sitzt am Ende nur weicher als die anderen.

Der Einwand trifft etwas Wahres. Präsenz kann Betäubung sein. Sei einfach da kann heißen: Halt still, füg dich, spür nach innen, damit du nach außen nichts mehr forderst. Das ist keine Übung. Das ist ein Ruhigstellen.

Aber es ging hier nie um Ruhe gegen Tat. Es ging um Flucht gegen Kontakt. Und Flucht hat zwei Gesichter.

Das eine ist der Rückzug aufs Kissen, das Wegatmen. Das andere ist das, was sie mir gegenüber tut: planen, machen, vorbereiten, damit sie die Ohnmacht nicht fühlen muss. Betriebsamkeit, die aussieht wie Handeln. Auch das ist Flucht. Wer ununterbrochen tut, muss nichts spüren — so wenig wie der, der ununterbrochen atmet und nichts mehr will.

Das Tal ist nicht das Kissen, auf das man sich zurückzieht. Es ist der Ort, an dem beide Fluchten aufhören.

Und es ist nicht einmal ein einsamer Ort. Es geht leichter zu zweit — wenn ich ausspreche, was ich erlebe, und der andere nachfragt, statt mich zu beruhigen. Beruhigen schließt die Zwischenzeit wieder; das wird schon schiebt den Moment in eine bessere Zukunft. Nachfragen hält ihn offen. Und wenn jemand sagt, das kenne ich auch, bin ich mit dem, was ist, nicht mehr allein. Das ist kein Rückzug ins Private. Das ist Kontakt.

Was aus diesem Kontakt kommt, ist manchmal ein Schritt nach außen. Aber einer, der zur Lage passt, statt einer, der nur die Angst betäubt. Ob er Handeln heißt oder Trauer oder erst einmal Stillstehen, weiß ich vorher nicht. Ich weiß nur, dass er selten aus der Flucht kommt.

Was bleibt

Gegen Ende der Stunde sitzt sie anders da. Nichts Großes. Der Atem geht etwas tiefer, die Hände liegen offener im Schoß. Sie hat nichts gelöst. Die Wellen sind nicht weg — die vor ihr nicht und die hinter ihr nicht.

Aber für ein paar Minuten war sie im Tal. Nicht wartend, nicht planend. Da.

Ich habe ihr nichts mitgegeben, was man sich merken könnte. Nur das Erleben, dass die Ruhe, die sie sucht, nicht erst hinter der nächsten Welle liegt, sondern zwischen den Wellen — und dass sie die ganze Zeit dort war, im Tal, das sie für Warten gehalten hat.

Und vielleicht ist das die eigentliche Bewegung in unsicheren Zeiten. Nicht, dass es sicherer wird. Nicht, dass man ruhiger wird und die Welt darüber vergisst. Sondern dass man aufhört zu fliehen — in beide Richtungen — und einen Moment lang sieht, was tatsächlich ist. Manchmal folgt daraus ein Schritt. Manchmal steht man nur ehrlicher.

Was in dieser Zeit wäre, wenn wir sie nicht überbrücken würden, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die meisten von uns es nie lange genug ausgehalten haben, um es herauszufinden, einschliesslich mir selbst.

Vielleicht aber erinnern die großen äußeren Krisen an etwas, das wir überbrückt hatten, ohne es zu merken. An das Zwischen. An den schmalen Raum, in dem ein Mensch dem anderen wirklich begegnet — und in dem geschieht, was keine Maschine formulieren und kein Konsum stillen kann.

Vielleicht führt uns die Unsicherheit nicht nur nach innen, sondern zurück zueinander. Und vielleicht wächst daraus etwas, das man politisch nennen könnte — nicht von oben, nicht als Ordnung, die über uns verhängt wird, sondern als Bewegung von Menschen, die sich im Dazwischen wiedergefunden haben und nicht mehr bereit sind, es gegen ein Versprechen einzutauschen.

Ich weiß nicht, ob es so kommt. Ich weiß nur, dass es nirgends anfangen kann als hier: in der Zwischenzeit, die wir so lange für die Zeit gehalten haben, die nicht zählt.


Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.

Alexander Kopp ist Gestalttherapeut nach der Kölner Schule, Ausbilder für Gestalttherapeutinnen in Köln, Zen-Praktizierender und MBSR-Lehrer.*

weitere Beiträge