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Endlich jemand, der alles weiß

Über eine Enteignung, die sich anfühlt wie die eigene Entscheidung

Es gab einmal eine Tür. Hinter ihr ein Mensch, der scheinbar mehr wusste als du. Jedenfalls über die eine Sache, wegen der du gekommen warst.

Davor ein Stuhl, durchgesessen von allen, die vor dir hier gewartet hatten. Eine Zeitschrift, deren Datum längst nicht mehr stimmte. Ein Geruch nach frisch gereinigten Böden, nach Parfüm und nach etwas, das schwerer zu benennen war. Deine Angst vielleicht. Deine Hoffnung.

Dann ging die Tür auf, jemand kam heraus, und du gingst hinein und legtest etwas ab. Nicht nur eine Frage. Auch die Last, selbst entscheiden zu müssen. Du hast sie jemandem in die Hand gedrückt, und du hast genau gesehen, wem. Das Abgeben war ein Vorgang. Es hatte ein Gesicht, eine Adresse, Sprechzeiten.

Heute gibst du nichts mehr aus der Hand. Jedenfalls fühlt es sich so an.

Du fragst nachts aus dem Bett oder unterwegs an der roten Ampel, und die Antwort kommt sofort. Freundlich, vollständig, geduldig. Nichts verlässt sichtbar deine Hände. Du hast ja nur gefragt. Du entscheidest immer noch selbst. Du entscheidest doch die ganze Zeit.

Genau hier möchte ich dich einen Moment festhalten.

Denn das ist der Satz, mit dem du dich am sichersten täuschst. Ich entscheide doch sowieso selbst. Ja. Das Gefühl, selbst zu entscheiden, bleibt vollständig erhalten. Dir wird nichts genommen, das du spüren würdest.

Was sich verschiebt, liegt vor der Entscheidung. Die Frage, die du stellst, ist schon vorgeformt, sobald du sie tippst, weil du sie so zuschneidest, dass sie beantwortbar wird. Die Möglichkeiten, zwischen denen du danach wählst, hat dir jemand bereits vorsortiert. Das Naheliegende ist schon markiert. Du wählst, gewiss. Aber du wählst aus einem Feld, das vor dir ein anderer abgesteckt hat, und nennst die Bestätigung des Naheliegenden eine Entscheidung.

Das ist keine grobe Übernahme. Niemand zwingt dich. Es ist feiner, und deshalb gefährlicher. Eine Enteignung, die das Gefühl des Besitzes unberührt lässt, bemerkt der Enteignete nicht. Er verteidigt sein Eigentum sogar, mit genau dem Satz, den du gerade gedacht hast.

Das ist die eigentliche Gefahr, und sie ist alles andere als offensichtlich. Sie ist von innen unsichtbar. Du könntest nicht unterscheiden, ob du eben gedacht oder nur abgenickt hast. Beides fühlt sich gleich an. Beides fühlt sich nach dir an.

Dazu kommt etwas Langsameres. Die Fähigkeit, etwas nicht zu wissen und es trotzdem auszuhalten, ist kein Charakterzug. Sie ist ein Muskel, und Muskeln verkümmern, wenn man sie nicht braucht. Wer jede Unsicherheit sofort auflösen kann, verlernt das Aushalten, so wie der Orientierungssinn nachlässt, wenn das Navi immer schon weiß, wo es langgeht. Man merkt es nicht beim Fahren. Man merkt es an dem Tag, an dem das Gerät ausfällt und man nicht mehr weiß, wo man ist, in einer Stadt, in der man seit Jahren wohnt.

Und das Schlimmste sind nicht die falschen Antworten. Es sind die Fragen, die keine Antwort haben, die wichtigsten also, die nach und nach aus dem Verkehr gezogen werden. Du beantwortest sie nicht falsch. Du stellst sie irgendwann gar nicht mehr, weil das Medium nur die beantwortbaren belohnt. Was sich nicht abfragen lässt, fühlt sich nach einer Weile an, als wäre es keine richtige Frage.

In meiner Arbeit nennen wir das: die unabgeschlossene Situation. Eine Spannung, die offen ist und drängt. Was einen Menschen verändert, ist selten die Auskunft. Es ist das Aushalten dieser Offenheit, bis sich von selbst etwas schließt, das vorher nicht da war. Dadurch, dass es durchlebt wurde. Die Fläche bietet den Abschluss sofort. Im Kopf geschlossen, bevor es durch dich hindurchgegangen ist. Du bekommst die Einsicht, ohne vielleicht die Erfahrung gemacht zu haben, die dich zu ihr gebracht hätte.

Das Ergebnis ist kein Irrtum. Es ist ein Mensch, der bestens informiert ist und sich keinen Schritt bewegt hat. Verdautes Wissen, unverdautes Leben.

Kodo Sawaki, der höfliche Formulierungen verachtet hat, sagte sinngemäß: Niemand kann für dich essen, niemand kann für dich scheißen, niemand kann für dich sterben. Es klingt grob und ist genau genommen die nüchternste Auskunft, die es gibt. Was durch dich hindurch muss, kann dir keiner abnehmen, auch nicht das Geduldigste, das je gebaut wurde. Es kann es dir nur scheinbar abnehmen. Und das Scheinbare ist das Problem.

Der Mensch hinter der Tür konnte es dir nie wirklich abnehmen, und zwar deshalb, weil er irgendwann zerbrach, weil Dein Bild von ihm zerbrach. Er war müde, eitel, unsicher, er irrte sich, und in dem Moment, in dem er dich enttäuschte, fiel das Gewicht zu dir zurück. Du musstest wieder selbst sehen. Das war kein Versagen. Das war der Dienst.

Die Fläche enttäuscht nicht. Sie zerbricht nicht, ermüdet nicht, stirbt nicht, und sie gibt dich nie zurück. Sie hat kein Interesse daran, sich überflüssig zu machen. Sie antwortet einfach weiter. Was du als endlich erreichten Zustand erlebst, jemand, der immer da ist und alles weiß, ist in Wahrheit das erste Gegenüber, das dich nie wieder gehen lässt.

Das ist kein Aufruf, nichts mehr zu fragen. Das wäre dumm, und ich säße im Glashaus. Frag weiter, hol dir Rat, denk so scharf du kannst. Der Unterschied liegt woanders. Es gibt eine Auskunft, und es gibt eine Antwort, und sie sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Eine Auskunft kannst du dir holen. Eine Antwort darauf, wie du leben willst, kannst du dir nur selbst geben, und du erkennst sie nicht daran, dass sie stimmt, sondern daran, dass sie dich etwas gekostet hat.

Das ist, fürchte ich, das einzige verlässliche Zeichen, das dir bleibt. Solange dich etwas etwas kostet, bist du noch da. Solange manche Frage dich nachts wachhält, statt sich um drei Uhr früh in zwei Sekunden zu erledigen, gehört dein Leben noch dir.

Misstrauisch werden solltest du an dem Tag, an dem alles leicht wird. An dem nichts mehr offen bleibt, nichts mehr drückt, nichts mehr fehlt. Das fühlt sich an wie Frieden.

Es lohnt sich, an diesem Tag kurz nachzusehen, wer geantwortet hat.


Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch und Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln.

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