Der Coach, der feststeckt und nicht weiß, warum
Über Methoden, Widerstände und den Moment in dem Coaching wirklich beginnt
(Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.)
Er kommt nicht zum ersten Mal zu mir.
Er ist Coach. Er spricht, wie jemand spricht, der es gewohnt ist, dass ihm zugehört wird — ruhig, gegliedert, ohne Eile. Er hat Werkzeuge. Er kennt viele Modelle. Und vielleicht gerade deswegen sitzt er mir gegenüber mit einer Frage, die ihn nicht loslässt.
Warum ändert sich bei manchen Klienten nichts — obwohl sie alles verstehen?
Das vertraute Muster
Er beschreibt es so: Der Klient kommt. Sie arbeiten zusammen. Ziele werden definiert, Hindernisse analysiert, Schritte geplant. Der Klient nickt. Versteht. Geht motiviert nach Hause. Und zwei Wochen später ist alles wieder wie vorher.
Er nennt das Widerstand. Er hat gelernt, Widerstand zu benennen, zu normalisieren, zu bearbeiten. Er hat Techniken dafür. Reframing. Skalierungsfragen. Ressourcenaktivierung.
Und trotzdem.
Dann kommt der Satz. Er kommt nicht als Erkenntnis, eher wie etwas, das ihm entfährt.
Ich höre zu, um zu verstehen. Nicht, um zu begegnen.
Er schaut mich an. Seine Hand liegt offen auf dem Knie und schließt sich halb.
Ich lasse den Satz stehen. Ich erkläre ihn nicht.
Wie geht es Dir, wenn Du diesen Satz aussprichst? Frage ich.
Ich merke, wie erschöpft ich bin. Ich merke, wie ich mich anstrenge, Lösungen zu finden für diesen Menschen. Und irgenwie fühle ich mich ohnmächtig und denke ich mache keine gute Arbeit.
Was Methoden nicht können
Es gibt eine Art des Zuhörens, die eigentlich schon Vorbereitung ist. Man hört, was der andere sagt — und sortiert es gleichzeitig. Welches Modell passt hier. Welche Frage bringt ihn weiter. Wo liegt der Glaubenssatz.
Das ist kein schlechtes Zuhören. Es ist kompetentes Zuhören. Professionelles Zuhören.
Aber es ist kein Kontakt.
Martin Buber hat sinngemäß beschrieben, dass echter Kontakt nicht entsteht, wenn ich dem anderen gegenüberstehe und ihn einordne — sondern wenn ich mit ihm in Beziehung trete. Als jemand, der eine eigene Wahrheit trägt, die ich nicht kennen kann, bevor er sie selbst überhaupt entdeckt und mir zeigen kann.
Wer mit Methoden arbeitet, arbeitet mit seinem Wissen über Menschen. Am Menschen.
Der Unterschied ist ein einziges Wort. Er ist trotzdem nicht klein.
Warum Klienten zurückfallen
Wir sprechen lange über das, was er das Zurückfallen nennt. Irgendwann frage ich ihn, was er glaubt, warum das passiert.
Er überlegt. Dann: Weil sie es noch nicht wirklich wollen. Weil der Leidensdruck nicht groß genug ist. Weil alte Muster stärker sind als neue Einsichten.
Ich nicke. Das stimmt alles.
Und dann frage ich, was wäre, wenn das Zurückfallen kein Versagen wäre, sondern eine Botschaft.
In der Gestalt würden wir sagen: den Widerstand würdigen. Nicht überwinden. Nicht bearbeiten. Erforschen. Denn der Widerstand schützt etwas — eine Angst, eine früh gelernte Strategie, die einmal notwendig war.
Wie fühlt er sich an, von innen. Wovor schützt er. Was passierte, wenn er nachgäbe.
Wenn ich den Widerstand überwinden will, kämpfe ich mit dem Klienten gegen den Klienten. Auch wenn ich es freundlich tue.
Die Wendung
In einer späteren Sitzung erzählt er von einem Klienten. Einem, der sich seit Monaten um dieselben Themen dreht. Der Ziele setzt und sie nicht erreicht. Der sich entschuldigt, erklärt, verspricht, sich mehr anzustrengen.
Er sagt: Ich habe diesmal aufgehört zu denken, was als Nächstes kommt. Ich habe hingeschaut. Und ich habe ihn gefragt, was gerade in ihm passiert. Jetzt. In diesem Moment.
Der Klient war still. Lange.
Dann sagte er: Ich glaube, ich habe Angst. Nicht vor dem Scheitern. Vor dem Gelingen. Wenn es klappt — wer bin ich dann?
Er sagt: Das hatte ich in all den Sitzungen davor nie gehört. Nicht, weil er es nicht gesagt hätte.
Weil ich nicht gefragt hatte.
Was sich verändert hat
Es ist keine Technik, die er gelernt hat. Eher eine Verschiebung, die er selbst kaum benennen kann.
Vom Wissen zum Fragen. Vom Verstehen zum Begegnen.
Das klingt klein. Es ist nicht klein.
Denn wenn ich aufhöre zu wissen, was der andere braucht, verändert sich der Raum zwischen uns. Er wird echter. Weniger konstruiert. Weniger professionell in jenem Sinn, der Distanz meint.
Und in diesem Raum geschieht Veränderung. Nicht, weil ich sie herbeiführe. Sondern weil der Mensch sich selbst begegnet.
Aus Perls‘ Arbeit heraus ist das Paradox der Veränderung formuliert worden: Veränderung geschieht nicht, wenn ich versuche, etwas anderes zu sein. Sondern wenn ich werde, was ich bin. Und darin gesehen werde.
Was bleibt
Ich sitze noch eine Weile in dem Raum, nachdem er gegangen ist.
Ich habe früh gelernt, gut zu sein in dem, was ich tue. Vorbereitet zu sein. Die nächste Frage schon zu haben, bevor die Antwort zu Ende ist. Das hatte seinen Wert — es hat Menschen geholfen, und es hat mich getragen durch Jahre, in denen ich unsicher war.
Es hatte auch seinen Preis.
Ich weiß nicht, wie viele Sätze ich überhört habe, weil ich schon beim nächsten war. Man merkt es nicht. Das ist das menschliche daran. Ein Mensch, der nicht gehört wird, sagt selten, dass er nicht gehört wurde. Er nickt. Er versteht. Er geht motiviert nach Hause.
Und kommt zwei Wochen später mit demselben Thema zurück.
Vielleicht ist der Widerstand, um den es hier eigentlich ging, nie der des Klienten gewesen.
Vielleicht sitzt er auf dem anderen Stuhl.
Ich weiß es nicht. Aber ich frage mich seit diesem Gespräch, wie es für meinen Klienten wäre, in einer einzigen Sitzung nichts vorzubereiten. Keine Frage im Rücken zu haben. Nur zu hören.
Nicht aus Einsicht. Nur, um zu sehen, ob er es aushält.
Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch, Achtsamkeitslehrer und Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln.
