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Mir darf es nicht gut gehen

Über stille Loyalität und das Wohlsein, das man sich schon lange verbietet

(Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet)


Sie funktioniert gut. Ist zuverlässig, tragfähig, immer für andere da, wird von anderen geschätzt, kommt pünktlich. Was ihr schwerfällt, hat keine offensichtliche Form. Sie beschreibt es als eine Art Bremse, die anspringt, wenn es eigentlich schön sein könnte. Im Urlaub, an einem guten Abend, in Momenten, die Leichtigkeit verdienen würden. Als wäre Unbeschwertheit ein Zustand, den sie sich nur kurzfristig leihen darf.

Ich könnte fragen, woher das kommt. Ich tue es zunächst nicht. Mich interessiert, wie sie diese Bremse erlebt. Das Bild ist da. Was es für sie bedeutet, wissen wir damit noch nicht.

Stattdessen frage ich: Wie fühlt sich diese Bremse eigentlich an?

Wenn die Warum-Frage nicht weiterführt

Es gibt eine Frage, die ich in meiner Arbeit gerne stelle: Wofür ist das gut? Sie zielt auf Würdigung – auf die Möglichkeit, dass auch etwas, das uns heute quält, einmal hilfreich gewesen sein könnte.

Nur lässt sich diese Frage nicht immer unmittelbar beantworten. Und manchmal kommt sie zu früh.

Fritz Perls, einer der Mitbegründer der Gestalttherapie, rückte das gegenwärtige Erleben in den Mittelpunkt: Wie geschieht etwas? Was nimmt ein Mensch wahr, während er spricht? Solche Fragen können eine Erfahrung zugänglich machen, über die wir bisher vor allem nachgedacht haben. Auch das Denken gehört dazu. Eine Erklärung allein lässt uns nur nicht immer spüren, was sie mit uns zu tun hat.

Dorthin richten sich meine Fragen. Als Einladung, gemeinsam genauer hinzusehen.

Wer gefragt wird, wofür eine quälende Bremse gut sein soll, antwortet mitunter so, wie ich es regelmäßig höre: „Das ist für gar nichts gut. Das ist doch das Problem.“ Auch darin liegt eine Erfahrung, die ernst genommen werden will. Die Würdigung, die ich mit meiner Frage beabsichtige, kommt möglicherweise gar nicht an. Vielleicht klingt sie, als müsste das Leiden auch noch einen guten Grund haben.

Hier frage ich nach dem körperlichen Erleben, nach den Phänomenen im Hier und Jetzt.

Wie fühlt sich die Bremse an, frage ich. Wo sitzt sie. Hat sie eine Temperatur, ein Gewicht, eine Richtung.

Sie überlegt. Dann, langsam: ein Druck. Hier, auf der Brust. Wie eine Hand, die sanft zurückhält. Nicht grob. Eher – vorsichtig.

Während sie das beschreibt, verändert sich ihr Atem. Er wird flacher. Die Schultern ziehen sich unmerklich nach oben. Ich nehme die Veränderung wahr. Was sie bedeutet, lässt sich daraus noch nicht ablesen.

Wenn eine Erinnerung näher kommt

Das erstaunt mich nach all den Jahren immer wieder: Beim Erleben und Beschreiben einer Empfindung können Bilder auftauchen, Erinnerungen, Zusammenhänge. Die Bremse bekommt Konturen. Wohin das führt, ist offen. Wir müssen ihre Geschichte nicht schon kennen, um uns ihr zuzuwenden.

Sie wird still. Und dann, ohne dass ich danach gefragt hätte, ist sie in der Erinnerung zwölf. Ihre jüngere Schwester ist gestorben. Was danach kam, war eine Familie, die noch zusammenlebte – aber verändert. Die Eltern trugen eine Trauer, die alles färbte. Nicht laut, nicht dramatisch. Aber da. Immer da.

Nun stehen der Druck auf der Brust und diese Erinnerung nebeneinander. Es liegt nahe, eine Verbindung zu vermuten. Doch die Empfindung beweist keine Ursache. Ob und wie beides für sie zusammengehört, können wir nur gemeinsam erkunden.

Die unsichtbare Bindung

Iván Böszörményi-Nagy und Geraldine M. Spark haben über unsichtbare Loyalitäten in Familien geschrieben. Der Gedanke kann helfen, Bindungen wahrzunehmen, die nie ausdrücklich vereinbart wurden: eine Treue, in der sich jemand verpflichtet fühlt, etwas mitzutragen.

Mit diesem Gedanken ließe sich auch auf die Schwere dieser Frau schauen. Vielleicht hatte Leichtigkeit damals etwas Einsames. Vielleicht fühlte es sich an, als würde sie die Trauernden verlassen, sobald sie selbst wieder Freude empfand.

Schwere als eine Form von Treue.

Das ist eine mögliche Lesart. Ob sie ihr Erleben trifft, kann ich ihr nicht abnehmen. Eine stimmige Erklärung für mich muss noch keine stimmige Erfahrung für sie sein.

Darin könnte ein stiller Satz liegen: Mir darf es nicht besser gehen als denen, die ich liebe.

In der Gestalttherapie gibt es dafür einen möglichen Anknüpfungspunkt: das Introjekt. Etwas Übernommenes, ungeprüft geschluckt, das später kaum noch als fremde Forderung erkennbar ist. Ein Satz kann irgendwann wie die eigene Persönlichkeit erscheinen: So bin ich eben. Ich bin kein leichter Mensch.

Doch auch dieser Begriff beantwortet nicht, wie es für sie gewesen ist. Ein Kind in einer trauernden Familie trifft keine freie Entscheidung darüber, wie es dazugehören möchte. Vielleicht war die Schwere damals eine Weise, verbunden zu bleiben. Und vielleicht ist heute etwas anderes möglich, ohne dass die Verbundenheit verloren gehen muss.

Der Satz

Die Eltern sind mittlerweile verstorben. Eine innere Bindung endet nicht notwendig mit dem Tod.

Ich schlage vor, einen Satz auszusprechen – an die Eltern gerichtet, im Hier, mit dem, was heute möglich ist. Solch ein Vorschlag braucht die Freiheit, ihn abzulehnen, zu verändern oder unausgesprochen zu lassen. Die Worte müssen für sie stimmen.

Sie zögert. Der Kiefer presst sich leicht zusammen, eine Hand schließt sich halb im Schoß. Auf mich wirkt es, als könnte dieser Satz etwas verraten. Als könnte er eine Verbindung gefährden. Aber ihr Zögern hat keine Bedeutung, die ich einfach für sie festlegen kann. Es ist auch kein Hindernis, das überwunden werden muss.

Was steht für sie auf dem Spiel, wenn sie diese Worte ausspricht? Die Frage bleibt offen. Auch die bisher getragene Schwere wird durch einen neuen Satz nicht nachträglich sinnlos.

Dann sagt sie es.

Mir darf es gut gehen. Ich bin nicht für euren Schmerz verantwortlich. Ich darf mich leicht und frei fühlen.

Einen Moment passiert nichts. Dann ein langer, langsamer Ausatem – nicht theatralisch, eher wie wenn ein Körper etwas loslässt, das er so lange gehalten hat, dass er vergessen hatte, dass er es hält. Die Schultern sinken ein Stück. Die Hand öffnet sich. In den Augen stehen Tränen, die sie nicht wegwischt.

Keine große Geste. Eher eine Stille, die sich für mich anders anfühlt als die davor. Als hätte etwas, das lange unter Druck stand, nachgegeben.

Dann, leise: Das habe ich noch nie so gedacht.

Dieser Satz bleibt bei mir. Was sich daraus für ihr Leben ergibt, ist damit noch nicht gesagt. Für diesen Moment hat etwas Worte gefunden.

Was bleibt

Was mich an solchen Momenten beschäftigt, ist, wie still ein inneres Verbot entstehen kann. Es muss niemand ausdrücklich aussprechen. Manchmal genügt eine Situation, in der die eigene Freude keinen Platz zu haben scheint.

Ob es für diese Frau genau so war, lässt sich nicht von außen entscheiden. Die Vorstellung von Treue kann etwas verständlich machen. Sie darf aber nicht zur nächsten Festlegung werden, in der ein Mensch sich wiederfinden muss.

Vielleicht ist das Tröstliche daran, dass etwas Vertrautes noch einmal anders erfahrbar werden kann. Im Spüren, im Nachdenken, im Gespräch. Auch ohne dass wir seine ganze Geschichte entschlüsseln.

Und vielleicht ist die Leichtigkeit die ganze Zeit erlaubt gewesen. Wie sie sich anfühlt und wie viel davon heute möglich ist, bleibt ihre eigene Entdeckung.


Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder literarisch neu gestaltet.

Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch, Achtsamkeitslehrer und Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln.

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