Mir darf es nicht gut gehen
Über stille Loyalität und das Wohlsein, das man sich schon lange verbietet
Sie funktioniert gut. Ist zuverlässig, tragfähig, immer für andere da, wird von anderen geschätzt, kommt pünktlich. Was ihr schwerfällt, hat keine offensichtliche Form. Sie beschreibt es als eine Art Bremse, die anspringt, wenn es eigentlich schön sein könnte. Im Urlaub, an einem guten Abend, in Momenten, die Leichtigkeit verdienen würden. Als wäre Unbeschwertheit ein Zustand, den sie sich nur kurzfristig leihen darf.
Ich könnte sie fragen, woher das kommt. Ich tue es nicht.
Stattdessen frage ich: Wie fühlt sich diese Bremse eigentlich an.
Warum die Warum-Frage oft scheitert
Es gibt eine Frage, die ich in meiner Arbeit gerne stelle: Wofür ist das gut. Sie zielt nicht auf Erklärung, sondern auf Würdigung – auf die Annahme, dass nichts, was wir tun, sinnlos ist.
Nur funktioniert sie kognitiv selten.
Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, hat das früh erkannt. Das Warum, schreibt er sinngemäß in „Gestalt Therapy Verbatim“, führt nur zu Erklärungen – zur endlosen Suche nach der Ursache, zum klugen Weil. Es produziert Rationalisierungen, aber keine Bewusstheit. Wer fragt „warum“, bekommt eine Geschichte. Wer fragt „wie“ und „was“, bekommt eine Erfahrung. Perls hat die Frage deshalb umgedreht: nicht warum tust du das, sondern wie machst du es gerade, was passiert in deinem Körper, während du sprichst.
Genau dorthin gehe ich oft mit den forschenden, achtsamen, gewahrseinsfördernden Fragen.
Wer gefragt wird, wofür eine quälende Bremse gut sein soll, antwortet meistens mit einer Bewertung – das höre ich regelmässig: „Das ist für gar nichts gut. Das ist doch das Problem.“ Der Verstand kennt die Antwort nicht – er kennt das Urteil über das Symptom. Die Würdigung, die in der Frage steckt, läuft häufig ins Leere, weil das Denken den Ursprung nicht erreicht. Er liegt woanders.
Also frage ich nicht über den Kopf. Ich gehe über den Körper, über die Phänomene im Hier und Jetzt.
Wie fühlt sich die Bremse an, frage ich. Wo sitzt sie. Hat sie eine Temperatur, ein Gewicht, eine Richtung.
Sie überlegt. Dann, langsam: ein Druck. Hier, auf der Brust. Wie eine Hand, die sanft zurückhält. Nicht grob. Eher – vorsichtig.
Während sie das beschreibt, verändert sich ihr Atem. Er wird flacher. Die Schultern ziehen sich unmerklich nach oben. Etwas Altes kommt in den Raum.
Was der Körper erinnert, bevor der Kopf es weiß
Das ist der Moment, der mich nach all den Jahren immer wieder erstaunt: Nicht über das Nachdenken tauchen die Bilder auf, sondern über das Erleben und Beschreiben des Phänomens selbst – das „Problem“ wird zum Wegweiser zur Lösung: Was nie ausgesprochen werden konnte, beginnt im Kontakt seine starre Form zu verlieren. Die Bremse erzählt ihre eigene Geschichte – wenn man ihr lange genug zuhört, statt sie wegmachen zu wollen.
Sie wird still. Und dann, ohne dass ich danach gefragt hätte, ist sie zwölf. Ihre jüngere Schwester ist gestorben. Was danach kam, war eine Familie, die noch zusammenlebte – aber verändert. Die Eltern trugen eine Trauer, die alles färbte. Nicht laut, nicht dramatisch. Aber da. Immer da.
Die Erinnerung war nicht weg. Aber sie war abgelegt – an einem Ort, an den der Verstand keinen Zugang hatte. Erst der Druck auf der Brust kannte den Weg dorthin.
Die unsichtbare Bindung
Iván Böszörményi-Nagy, einer der Begründer der kontextuellen Familientherapie, hat dafür einen Begriff geprägt: die unsichtbaren Bindungen. Wir tragen aus unbewusster Loyalität Lasten, die nicht unsere sind. Nicht weil jemand es verlangt hätte – sondern weil Zugehörigkeit einen Preis hat, den ein Kind bereitwillig zahlt bzw. alternativlos zahlen muss.
Was das zwölfjährige Mädchen damals gespürt hat, war einfach und gnadenlos: Wenn ich leicht bin, bin ich allein damit. Schmerz war der einzige Raum, in dem man zusammen sein konnte. Leichtigkeit hätte bedeutet, die Trauernden zu verlassen.
Also blieb sie in der Schwere. Aus Treue.
In der Forschung mit Hinterbliebenen nennt man eine Variante davon Überlebensschuld – die leise Überzeugung, kein Recht auf das eigene, ungetrübte Leben zu haben, wenn ein anderer es verloren hat. Bei einem Kind, das einen Bruder oder eine Schwester verliert, verbindet sich das mit einer schlichten Logik: Mir darf es nicht besser gehen als denen, die ich liebe.
In der Gestalt würden wir sagen: ein Introjekt. Ein Satz, ungeprüft geschluckt in einem Moment, in dem zum Prüfen keine Zeit oder Bewusstheit war. Und dann ein Leben lang nicht mehr angefasst – weil er irgendwann nicht mehr wie ein Satz aussah, sondern wie die eigene Persönlichkeit. So bin ich eben. Ich bin kein leichter Mensch.
Das war keine falsche Entscheidung. Es war eine kluge Anpassung – für genau diesen Moment, für genau dieses Kind. Das Problem mit solchen Entscheidungen ist nicht, dass sie getroffen werden. Das Problem ist, dass sie weiterlaufen, lange nachdem niemand mehr da ist, dem die Treue gilt.
Der Satz
Die Eltern sind mittlerweile verstorben. Die innere Bindung läuft noch.
Es gibt einen Satz, der das ändern könnte. Ich schlage vor, ihn auszusprechen – an die Eltern gerichtet, im Hier, mit dem, was heute möglich ist.
Was dann passiert, ist jedes Mal aufschlussreich. Sie zögert. Der Kiefer presst sich leicht zusammen, eine Hand schließt sich halb im Schoß. Der Körper sagt nein, bevor der Verstand einen Grund formuliert. Als würde dieser Satz etwas verraten. Als würde er etwas verletzen, das nicht mehr da ist.
Das ist die eigentliche Angst – nicht das Sprechen, sondern das, was wahr wird, wenn man spricht: dass die Schwere, ein Leben lang getragen, vielleicht nie nötig war.
Dann sagt sie es.
Mir darf es gut gehen, Ich bin nicht für euren Schmerz verantwortlich. Ich darf mich leicht und frei fühlen.
Einen Moment passiert nichts. Dann ein langer, langsamer Ausatem – nicht theatralisch, eher wie wenn ein Körper etwas loslässt, das er so lange gehalten hat, dass er vergessen hatte, dass er es hält. Die Schultern sinken ein Stück. Die Hand öffnet sich. In den Augen stehen Tränen, die sie nicht wegwischt.
Keine große Geste. Eher eine Stille, die sich anders anfühlt als die davor. Etwas, das lange unter Druck stand, hat nachgegeben. Nicht verschwunden – nachgegeben. Der Unterschied ist nicht klein.
Dann, leise: Das habe ich noch nie so gedacht.
Natürlich nicht. Gedacht wäre es nie gekommen.
Was bleibt
Was mich an solchen Momenten beschäftigt, ist nicht ihre Seltenheit. Es ist, wie still das alles geschehen ist. Niemand hat dieses Verbot je ausgesprochen. Keine Anweisung, keine Strafe. Nur eine Situation, die ein Kind richtig gelesen hat – und eine Treue, die es aus Liebe und Zugehörigkeit zu weit getragen hat.
Vielleicht ist das Tröstliche daran, dass der Körper nichts vergisst. Was wir nicht denken können, hält er für uns auf – geduldig, manchmal jahrzehntelang, bis jemand bereit ist, hinzuspüren.
Und vielleicht ist die Leichtigkeit die ganze Zeit erlaubt gewesen. Sie hat nur darauf gewartet, dass es jemand ausspricht.
Die Szene in diesem Text basiert auf einer realen Begegnung und wurde aus Gründen der Lesbarkeit modifiziert und verändert. Alle Details, die Rückschlüsse auf die Person ermöglichen könnten, wurden verändert.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch und Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln.
