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Sobald ich rede und spiegele

Über Gewahrsein in der Arbeit als BeraterIn/TherapeutIn/CoachIn und den Unterschied zwischen einem Satz, der etwas schließt, und einer Frage, die etwas öffnet.

(Die folgende Begegnung ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.)

Eine Frau sitzt mir gegenüber, Ende vierzig, und klagt. Sie bekommt ihren Hintern nicht hoch, sagt sie. Kann sich zu nichts motivieren. Sie weiß nicht, was mit ihr los ist. Sie hat schon versucht, sich mit einer besseren Tagesstruktur selbst zu überlisten, erfolglos.

Diese Frage steht im Raum — was ist eigentlich mit mir los —, und ich spüre, wie sie mich zieht. Etwas in mir will sie beantworten. Etwas in mir will ihr die Ordnung geben, die sie vermisst, das erklärende Bild, das die Ratlosigkeit beendet. Es würde ihr etwas leichter machen. Und, wenn ich ehrlich bin, mir auch.

Denn während sie redet, wird mir fast ein wenig schlecht. So hart geht sie mit sich um, so selbstverständlich, dass ich es kaum aushalte zuzuhören. Ihr ein freundlicheres Bild zu reichen wäre auch eine Art, mein Unwohlsein loszuwerden.

Und während sie weiterredet, fügt sich mir genau dieses Bild. Es ist ein stimmiges Bild. Und ich spreche es aus.

Nach allem, was Sie mir gerade über die Welt erzählen, sage ich, wundert mich Ihre Müdigkeit nicht. Das klingt alles nicht besonders verlockend. In Beziehungen muss man sich nur anstrengen. Da draußen sind ohnehin lauter Idioten. Jobs, die zu mir passen, gibt es nicht — und fände ich einen, wüsste ich nicht, ob ich die Energie für einen ganzen Tag hätte. Erschöpft bin ich am Ende sowieso. Und so viel, wie ich mir manchmal einrede, kann ich gar nicht.

Sie hört mir zu. Nickt. Sagt: Ja. Genau so ist es.

Und das Gespräch läuft.

Erst später bemerke ich, was geschehen ist.


Es war nicht falsch. Es hatte einen Preis.

Ich habe nichts Dummes gesagt. Im Gegenteil. Ich habe ihr ihre eigene Welt zurückgegeben, geordnet, treffend, in einem Bogen, den sie selbst so noch nicht gezogen hatte.

Und ich gebe zu: Ich tue manchmal gern, es ist verlockend. Treffend zusammenfassen, ein Muster sichtbar machen, den Satz finden, der alles ordnet — das ist eine Fähigkeit, und sie hat ihren Wert. Manchmal ist sie genau das Richtige. Ein Mensch, der sich nie gesehen fühlt, kann an einer treffenden Spiegelung aufatmen.

Der Impuls war ja kein schlechter. Ich wollte ihr die Last der offenen Frage abnehmen. Wollte, dass sie sich verstanden fühlt. Wollte vielleicht auch, dass dieses Wie-sie-über-sich-spricht aufhört, weil es schwer zu ertragen war.

Nur war alles davon mehr bei mir als bei ihr. Und die Spiegelung hatte einen Preis, der leicht zu übersehen ist — gerade weil sie so gut zutraf.


Was im anderen geschieht, sobald ich rede

Solange die Frau klagte, tastete sie noch. Ihre Sätze waren Suchbewegungen, ungenau, halb fertig. Irgendwo in diesem Suchen hätte etwas auftauchen können, das sie selbst noch nicht kannte.

In dem Moment, in dem ich ihr das fertige Bild reiche, ist das vorbei.

Denn jetzt ist etwas im Raum, auf das sie sich beziehen muss. Aus dem Forschen wird ein Reagieren. Und reagieren kann sie auf viele Weisen — ich habe sie alle schon gesehen, oft an einem einzigen Nachmittag:

Sie schluckt ihren eigenen Faden herunter, weil meiner gerade klarer klingt. Sie bestätigt, was ich gesagt habe, und macht meine Sicht zu ihrer. Sie will mir gefallen und sucht von da an Worte, die zu meinen passen. Sie wertet sich ab — darauf hätte sie doch selbst kommen müssen. Sie bewundert mich, wie gut ich das sehe, und ist damit weiter weg von sich als zuvor. Sie baut sich ein neues Bild von mir, dem sie nun entsprechen oder das sie widerlegen will.

Bei dieser Frau war es das Bestätigen. Ja, genau so ist es.

Und in diesem Ja, genau so ist es ist ihre Klage etwas anderes geworden. Vorher war sie ein Tasten. Jetzt ist es eine Deutung — eine, die ich ihr geliefert habe. Festgeschrieben. Bestätigt von einem, der es wissen muss.

Ihr Wahrnehmungsprozess ist unterbrochen, und an seine Stelle tritt etwas anderes: das leise Verwalten der Beziehung zwischen uns. Beschäftigung mit mir statt mit sich.

Und das Schwierige ist: Es sieht aus wie Fortschritt. Das Gespräch läuft. Sie stimmt zu. Nur tastet sie nicht mehr.

C.G. Jung (1875–1961, Schweizer Psychiater, Psychotherapeut und Begründer der Analytischen Psychologie) hat das wie folgt beschrieben: „Ich habe eine solche Hochachtung vor dem, was in der menschlichen Seele geschieht, dass ich mich scheuen würde, das stille Walten der Natur durch täppische Zugriffe zu stören und zu entstellen.“ 


Reden, das schließt — und Reden, das öffnet

Hier liegt ein Missverständnis nah, dem ich vorbeugen will. Die Lösung ist nicht, zu schweigen.

Der dauerschweigende Berater oder Therapeut ist nicht die bessere Variante. Er ist oft nur abwesend, und Abwesenheit ist im Raum eher bedrohlich als hilfreich.

Es geht nicht um reden oder schweigen. Es geht um zwei sehr verschiedene Arten zu reden.

Mein Bild war ein Satz, der etwas geschlossen hat. Ich habe ihr gesagt, was ihr Blick auf die Welt, Ihre Klage vielleicht zur Folge hatbedeutet — und ihr damit das Ergebnis ihrer eigenen Suche vorweggenommen. Eine fertige Gestalt, von außen gereicht.

Es gibt eine andere Art, etwas zu sagen.

Ich hätte sie fragen können, wie es ihr geht, während sie diese Sätze ausspricht. Was in ihr passiert, wenn sie hört, wie sie über die Welt redet. Wo sie das spürt, dieses so viel kann ich gar nicht. Ob es eine Farbe hat, ein Gewicht, einen Ort.

Das ist auch Reden. Aber es reicht ihr kein Bild. Es lädt sie ein zurück in die Wahrnehmung — nicht zu mir, sondern zu sich.

In der Gestalt ist das die alte Unterscheidung zwischen dem Was und dem Wie. Sage ich, was etwas bedeutet, bekommt sie eine Erklärung. Frage ich, wie es ist, bekommt sie eine Erfahrung. Das eine schließt. Das andere öffnet.


Was geschieht, wenn niemand bewertet

Es gibt noch einen Grund, warum das offene Fragen wirkt, und der ist leiblicher.

Ein Mensch, der etwas Schweres erzählt, wartet — meist ohne es zu wissen — auf eine Reaktion. Wird das, was ich da sage, in Ordnung sein? Zu viel? Etwas in ihm bleibt in leichter Hab-Acht, eine alte, kluge Wachsamkeit.

Wenn ich ihr nun kein Urteil reiche, keine Deutung oder Spiegelung, sondern sie zugewandt frage, wie es ihr gerade geht — dann registriert dieser wache Teil irgendwann: keine Gefahr. Hier wird nichts bewertet. Hier wird nur geschaut.

Und erst dann darf auftauchen, was vorher weggehalten wurde. Nicht weil ich es herausgefragt hätte im Sinne von herausgeholt. Sondern weil es endlich darf.


Warum das die Gegenwart des Anderen braucht

Der Unterschied zwischen dem schließenden Satz und der öffnenden Frage sitzt nicht nur in den Worten. Er sitzt im Körper dessen, der sie spricht.

Wenn ich frage, wie es ihr geht, und dabei selbst ganz da bin — mein Blick, mein Atem, eine kaum merkliche Bewegung, wenn sie etwas trifft —, dann ist die Frage getragen. Sie spürt, dass da ein zweiter Mensch ist, der mitschwingt, während sie nach innen geht. Buber hat das das Zwischen genannt. Das Wirkliche geschieht nicht in dem, was ich sage, sondern in dem, was zwischen uns entsteht.

Mein eigenes Gewahrsein ist dabei nicht nur mein Werkzeug. Es ist das, was ihr Gewahrsein weckt. Indem ich präsent bin, wird sie präsenter. Indem ich nicht bewerte, hört sie auf, sich zu bewerten.

Und hier liegt das, was sich nicht abnehmen lässt.

Eine Maschine kann die treffende Spiegelung. Erschreckend gut — das Bild, mit dem ich der Frau ihre Welt zurückgab, hätte sie auch hinbekommen, vielleicht sauberer als ich. Sie kann sogar die öffnende Frage formulieren; die richtigen Worte sind nicht schwer.

Was sie nicht kann, ist dabei sein, während sie antwortet. Mit einem Leib, der mitschwingt, der ungeduldig wird und es bemerkt, der ruhig bleibt und damit Ruhe gibt. Die Frage wie geht es Ihnen, wenn Sie das sagen ist nur halb so viel wert, wenn niemand wirklich da ist, der die Antwort aushält. Ein Satz auf einem Bildschirm schickt niemanden nach innen. Ein präsenter Mensch schon.


Die andere Seite, kurz

Ich will das nicht zu schön machen.

Denn auch das offene Fragen kann zur Masche werden. Ein Therapeut, der immer nur fragt, wie es sich anfühlt, und nie etwas riskiert, nie konfrontiert, nie selbst in Kontakt geht, versteckt sich hinter der Methode. Dann wird aus dem Öffnen ein Ausweichen, und beide nennen es Tiefe.

Es gibt Momente, in denen ein klares Wort von mir genau das ist, was ein Mensch braucht. Die Kunst ist nicht, nie zu spiegeln oder zu deuten. Die Kunst ist zu spüren, wann mein Satz sie zu sich bringt — und wann er sie von sich wegholt.


Was beim nächsten Mal geschah

Als sie das nächste Mal in dieselbe Klage kam, reichte ich ihr kein Bild.

Ich fragte sie, wie es ihr gehe, während sie das sage. Was sie gerade spüre.

Sie hielt inne. Schaute zur Seite. Und sagte dann, fast überrascht, dass sie müde sei. Nicht von der Woche. Schon jetzt, in diesem Moment, beim bloßen Aufzählen. Die Erschöpfung sei schon da, sagte sie langsam, bevor sie überhaupt irgendetwas getan habe.

Wir ließen den Satz stehen.

Es war kein Satz, den ich ihr hätte geben können. Ich hätte ihr nur meinen geben können — und meiner handelte von der Welt. Ihrer handelte von ihr.


Vielleicht ist die schwerste Kunst in dieser Arbeit nicht, das Richtige zu sagen.

Vielleicht ist sie, das treffende Bild schon im Kopf zu haben — und es trotzdem zurückzuhalten, weil eine Frage sie weiter bringt als meine Antwort.

Ich weiss nicht, wie oft ich der Verlockung noch folge, es dem anderen oder mir leichter machen zu wollen . Ich weiß nur, dass ich es immer dann ahne, wenn ein Gespräch besonders flüssig läuft, wenn der andere mir besonders bereitwillig zustimmt — und ich mich hinterher frage, ob er gerade bei sich war oder bei mir.


Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.

Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch und Ausbilder für Gestalttherapeutinnen in Köln.

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