Was ein Psychoanalytiker über mich sagen würde

mögliche Eine Antworten — und die Frage die bleibt

Der folgende Text ist ein Gedankenexperiment.

Ich habe meinen letzten Essay — über Narzissmus, Begegnung, Gelübde und Weltangst — einem fiktiven, künstlich-intelligenten Kollegen gegeben. Nennen wir ihn Dr. F., Psychoanalytiker, langjährige Praxis, Schüler von Schülern Freuds. Er hat gelesen. Nachgedacht. Und dann gesprochen. Vielleicht zu stereotyp, vielleicht realistisch.

Was folgt ist seine Antwort — und meine.


Was Dr. F. sieht

Dr. F. liest den Text, lehnt sich zurück. Eine kurze Pause. Dann:

Interessant. Sehr interessant. Darf ich eine Frage stellen?

Er beginnt nicht mit Kritik. Er beginnt mit einer Beobachtung, die er freundlich formuliert aber deutlich meint.

Du beschreibst einen Menschen, der leidet, wenn die Welt leidet. Der sich verpflichtet fühlt — durch Gelübde, durch Überzeugung, durch das was du das große Selbst nennst. Der sich fragt ob er genug tut. Der Angst hat, sich selbst zu verlieren wenn er aufhört zu geben. Der die Weltbühne beobachtet und sich erschüttert, empört, manchmal gelähmt fühlt.

Das, ist ein vertrautes Muster.

Nicht pathologisch. Aber auffällig.

Ein Kind das früh lernt — durch Erfahrung, nicht durch Worte — dass seine Anwesenheit an Bedingungen geknüpft ist. Dass es gesehen wird wenn es funktioniert. Dass Liebe etwas ist das man verdient, nicht das man bekommt. Dass die Atmosphäre im Raum seine Verantwortung ist. Dieses Kind entwickelt eine Strategie: es wird nützlich. Es kümmert sich. Es hält zusammen. Es rettet.

Und irgendwann — wenn es groß ist, wenn es Bücher gelesen und Gelübde abgelegt und eine Praxis aufgebaut hat — nennt es das Berufung.

Dr. F. lächelt freundlich. Nicht boshaft. Eher wie jemand, der das schon oft gesehen hat — und der weiß, dass es nicht böse gemeint ist wenn er es benennt.

Bubers Ich-Du, würde er fortfahren, ist eine wunderschöne Philosophie. Aber ich frage mich: Ist die Sehnsucht nach echter Begegnung vielleicht auch die Sehnsucht nach dem Blick der Mutter — oder des Vaters — der wirklich gesehen hat wer du bist? Nicht was du leistest. Wer du bist?

Und das Bodhisattva-Gelübde — nicht zur Ruhe kommen solange noch ein Wesen leidet — klingt das nicht manchmal nach einem Kind das nicht schlafen gehen darf bevor alles in Ordnung ist? Das die Verantwortung für das Wohlbefinden der anderen übernommen hat, weil niemand anderes es zu tun schien?

Er hält inne.

Und dann: Du beschreibst dich selbst als jemanden der die Welt mit seinem Familiensystem verwechselt. Die Klienten mit den Menschen denen du früher nicht helfen konntest. Den politischen Wahnsinn mit dem Chaos das du als Kind nicht kontrollieren konntest. Die Weltbühne als Wiederholung einer alten, unerledigten Situation.

Er faltet die Hände. Abwartend.


Er liegt richtig

Ich will ehrlich sein: einiges davon trifft zu.

Ich erkenne den Zug zur Nützlichkeit, zur Rastlosigkeit. Die Schwierigkeit, einfach da zu sein ohne etwas zu tun. Die Unruhe wenn ich nicht gebraucht werde. Den inneren Richter der fragt: Ist das genug? Tust du genug? Bist du genug?

Ich erkenne die Erschütterung über die Weltlage — und die Frage die dahinter steckt: Warum bewegt mich das so stark? Warum reicht es mir nicht, meinen kleinen Wirkungskreis zu pflegen und den Rest loszulassen?

Vielleicht weil der Rest sich nicht loslassen lässt? Vielleicht weil das Familiensystem — das Chaos, die Unverlässlichkeit, die Frage ob jemand da ist wenn es darauf ankommt — sich auf der Weltbühne wiederholt und mich deshalb so packt.

Das ist nicht erfunden. Das ist real.

Und es wäre naiv zu glauben, dass Selbsterfahrung, Supervision und Zen-Praxis das aufgelöst haben. Wahrscheinlich nicht. Müssen sie auch gar nicht. Da sitzt da noch etwas. Tief. Früh eingeschrieben.

Dr. F. hätte hätte mir also eine wichtige und richtige Perspektive gegeben.


Was daran zu kurz greift

Und. Es gibt eine Reduktion in dieser Lesart die mich nicht loslässt.

Der analytische Verstand ist gut darin zu fragen: Woher kommt das? Was hat dich geformt? Was treibt dich wirklich an? Das sind wichtige Fragen. Notwendige Fragen.

Aber sie beantwortet eine andere Frage nicht.

Und wenn schon?

Nehmen wir an, Dr. F. hat vollständig recht. Nehmen wir an, mein Auftrag ist zu hundert Prozent kompensiertes frühkindliches Trauma. Mein Gelübde eine sublimierte Wiederholung. Meine Arbeit ein elaborierter Versuch, die Welt in Ordnung zu bringen die ich als Kind nicht in Ordnung bringen konnte.

Was ändert das?

Ich sitze trotzdem oder vielleicht gerade deswegen Sonntags in der Stille.

Ich sitze trotzdem oder vielleicht gerade deswegen dem Menschen gegenüber und höre zu.

Die Frau die zum ersten Mal fragt was ihr Sohn wirklich braucht — diese Begegnung geschieht. Sie ist real. Ihre Wirkung ist real. Ob sie aus Trauma oder aus Berufung oder aus göttlichem Auftrag entstand — für sie macht das keinen Unterschied.


Die Frage die wirklich zählt

Aber ich will Dr. F. nicht wegargumentieren. Denn er stellt — mit seinen Deutungen — eine wichtige Frage: Woran würdest du den Unterschied merken?

Den Unterschied zwischen einem Auftrag der aus Freiheit kommt — und einer Compulsion, einem inneren Zwang, der sich als Berufung verkleidet?

Ich habe lange über diese Frage nachgedacht. Und ich bin zu keiner sicheren Antwort gekommen. Aber zu ein paar Hinweisen.

Wenn ich aufhören könnte — wenn es nicht mehr gebraucht würde — könnte ich es lassen? Ohne das Gefühl zu verlieren, dass mein Leben einen Sinn hat?

Wenn ein Klient mir sagt, er braucht mich nicht mehr — fühle ich Freude darüber? Oder eine leise Leere?

Wenn die Stille des Sonntags nichts hervorbringt — kein Bild, keinen Satz, keine Einsicht — kann ich damit sitzen? Oder brauche ich das Ergebnis um die Praxis zu rechtfertigen?

Das sind keine rhetorischen Fragen. Ich weiß die Antworten nicht immer. Manchmal ja. Manchmal nein. Manchmal weiß ich es erst im Nachhinein.

Manchmal merke ich es auch ganz konkret — mitten in der Arbeit.

In Gruppen zum Beispiel. Wenn Konflikte entstehen, wenn die Spannung steigt, wenn zwei Menschen aneinandergeraten — dann spüre ich etwas in mir. Angst und die Verlockung einzugreifen. Zu regeln. Die Lösung zu moderieren, bevor sie von selbst entstehen kann. Ich kaue auf Deutungen herum, fühle mich verantwortlich für den Ausgang, frage mich ob ich jetzt konfrontieren sollte — und zögere manchmal, weil ich die Reaktion fürchte.

Oft werde ich auch so angeschaut. Der Blick der sagt: Mach das jetzt. Richte das. Du bist derjenige der hier weiß was zu tun ist. Die Verlockung und Sogwirkung, dem zu entsprechen steigt in mir massiv an. Ich atme.

Und wenn ich diesem Blick nachgebe — wenn ich eingreife, regle, die Verantwortung übernehme, die die Gruppe mir „anbietet“ — dann habe ich die Haltung verlassen. Nicht dramatisch, nicht offensichtlich. Aber etwas anderes hat übernommen.

Nicht das große Selbst. Vielleicht das kleine Ich, das junge Selbst. Das das Chaos nicht aushält, Angst hat, das gebraucht werden will. Das lieber regelt als hält.

Das ist der Moment den Dr. F. meint. Und er hat recht — in diesem Moment.

Das ist kein Versagen. Es ist eine Einladung.

Genau das — das Bemerken, das Innehalten, das Zurückkehren zur Haltung — ist das was ich im Rahmen meiner frühen Konditionierung immer wieder üben darf. Nicht als Selbstkorrektur, nicht als Selbstbestrafung. Als Selbstfürsorge und Freiheit für andere.

Denn wenn ich nicht lerne, den Blick oder den Ruf nach der vermeintlich rettenden oder versorgenden Instanz auszuhalten ohne ihm nachzugeben — wenn ich nicht lerne, Konflikte reifen zu lassen ohne sie zu lösen — dann erschöpfe ich mich. Nicht an der Arbeit. Sondern an dem was ich hineinbringe, ohne es zu bemerken.

Das ist die eigentliche Praxis. Nicht die großen Gelübde. Nicht die Sonntagsmeditation. Sondern dieser kleine, unspektakuläre Moment in der Gruppe — wenn der Blick kommt und ich merke: ich will eingreifen. Und ich tue es nicht.

Das ist Selbstfürsorge. Für mich. Und für die Menschen die mir gegenübersitzen.


Mystik oder Trauma — eine falsche Alternative

Vielleicht ist die Unterscheidung selbst eine Falle.

Das kleine Ich — das Dr. F. so gut kennt — will wissen warum. Will die Motivation prüfen, die Herkunft klären, das Fundament sichern bevor es handelt. Es will sicher sein, dass es aus den richtigen Gründen tut was es tut. Aber vielleicht gibt es keine reinen Gründe.

Vielleicht ist jeder Auftrag zugleich Berufung und Kompensation. Vielleicht trägt jeder Therapeut seine eigene Geschichte in den Raum — und wahrscheinlich ist das nicht der Fehler, sondern die Bedingung. Das Werkzeug, das er mitbringt ist nicht sein Wissen. Es ist sein Erleben. Auch das schmerzhafte.

Der Verwundete der heilt — das ist kein romantisches Klischee. Das ist eine sehr alte Beobachtung darüber, wie Begegnung funktioniert.

Was ich weiß ist das: Wenn ich in der Stille sitze und nicht weiß, woher das Wort kommt, das aufsteigt — ob aus Gott, aus dem Unbewussten, aus früher Prägung oder aus dem großen Selbst — dann ist das in diesem Moment egal.

Es ist da. Es wird gesagt. Jemand hört es.

Das reicht.


Was Dr. F. vielleicht nicht sieht

Es gibt etwas das die Analyse schwer fassen kann — nicht weil sie es leugnet, sondern weil ihre Sprache dafür nicht gemacht ist.

Den Moment in dem zwei Menschen wirklich da sind füreinander. In dem das kleine Ich — mit all seiner Geschichte, all seinen Wunden, all seinen Kompensationen — für einen Augenblick zur Seite tritt oder noch besser: Im Kontakt sichtbar wird.

Das lässt sich nicht herleiten. Das lässt sich nicht erklären.

Das lässt sich nur erfahren.

Und vielleicht ist das die Antwort die ich Dr. F. geben kann:

Ich danke Ihnen sehr – Ihre Antworten sind wertvoll. Sie führen zum einem möglichen Kern – weisen mich darauf hin, wo ich hinschauen sollte, um meiner Berufung folgen zu können. Wir alle. Die Analytischen, die Begegnungsorientierten, die Veränderungsorientierten, die systemorientierten haben Ihren Platz in der Welt und das ist gut und richtig so.

Die Figur des Dr. F. ist fiktiv. Das Gespräch ist real — es findet in mir statt, seit ich anfange zu schreiben.


Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch und Ausbilder für Gestalttherapeut*innen in Köln.

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