An Dich, der sich ändern will
Warum Persönlichkeitsentwicklung in Erschöpfung enden kann
Du willst dich ändern.
Gut. Begrüßenswert. Fortschrittlich. Passt ins Weltbild.
Nur eine Frage: Wer soll sich da eigentlich ändern?
Ich kenne das. Jahrelang wollte ich auch anders sein. Ruhiger. Gelassener. Weniger reaktiv. Mehr Zen, weniger Mensch — so ungefähr. Manchmal schraube ich immer noch an mir rum.
Das hat nicht funktioniert.
Nicht weil ich zu wenig wollte. Sondern, weil ich zu viel wollte und manchmal nicht merke, wie sich das wieder einschleicht.
Das Problem mit dem Ändern-Wollen
Wer sich ändern will, sagt damit oft gleichzeitig: So wie ich bin, reicht es nicht.
Das klingt bescheiden. Es ist es nicht.
Es ist eine Form von Krieg. Gegen sich selbst. Mit sehr schlechten Erfolgsaussichten — denn man kämpft auf beiden Seiten.
Der Teil von dir, der sich ändern will, kämpft gegen den Teil von dir, der so ist wie er ist. Und der Teil der so ist wie er ist, hat jahrzehntelange Übung. Der gewinnt meistens.
Was Fritz Perls dazu sagte
Fritz Perls — einer der Begründer der Gestalttherapie — hat das das Paradox der Veränderung genannt.
Es lautet so: Veränderung geschieht nicht, wenn ich versuche, jemand anderes zu sein. Sondern ganz der werde, der ich gerade wirklich ich bin.
Das klingt nach einer dieser Weisheiten die man auf Kühlschrankmagneten findet. Es ist aber gemeingefährlich.
Denn es bedeutet: Bevor du dich änderst — schau erst mal wirklich hin. Was ist da eigentlich? Nicht was du dir wünschst das da ist. Was wirklich da ist.
Das ist oft unangenehmer, als sich zu ändern.
Was Sawaki dazu sagte
Kodo Sawaki ist einer der bekanntesten Zen Meister Japans.
Sawaki war weniger höflich.
Er schrieb: „Die meisten Menschen verbringen ihr Leben damit zu werden was sie nicht sind. Und vergessen dabei wer sie sind.“
Ich würde ergänzen: Und wundern sich dann, warum sie erschöpft sind.
Was also tun
Nichts, außer hinschauen.
Nein — wirklich. Erstmal nichts anderes.
Nicht im Sinne von aufgeben. Im Sinne von: hinschauen bevor du handelst. Wahrnehmen bevor du veränderst. Verstehen bevor du verbesserst.
Was genau willst du ändern? Und warum? Und wessen Stimme ist das — die sagt dass du so nicht sein darfst?
Das sind keine rhetorischen Fragen.
Das sind Fragen, die zählen.
Und dann
Manchmal passiert etwas Merkwürdiges wenn man wirklich hinsieht.
Man entdeckt, dass das was man ändern wollte — gar nicht so falsch war. Oder dass es einen Grund hat. Oder dass es schützt. Gestalt nennt das Widerstand oder auch: Beistand und Stütze.
Und manchmal — nicht immer, nicht garantiert — verändert sich dann etwas. Ohne dass man es erzwingt.
Die Zutat nennt man in der Gestalttherapie Gewahrsein.
Sawaki hätte es vermutlich anders ausgedrückt: „Du kannst nicht einmal einen Furz mit deinem Nächsten austauschen. Jeder einzelne von uns muss sein eigenes Leben leben.“*
Aber gemeint hätte er dasselbe.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch und Ausbilder für Gestalttherapeut*innen in Köln.
Die Texte in dieser Reihe sind eine Hommage an den japanischen Zen Meister Kodo Sawaki — nicht seine Worte, aber seinem Geist folgend.
Wer war Kodo Sawaki?
Kodo Sawaki lebte von 1880 bis 1965. Er war japanischer Zen-Meister, Wanderer und einer der unbequemsten Lehrer des 20. Jahrhunderts. Seinen Spitznamen „der Landstreicher Kodo“ verdiente er sich durch pausenlose Reisen durch ganz Japan — er lehrte überall, hatte keinen festen Tempel, keine Gemeinde die er verwaltete, keine Karriere die er pflegte.
1949 wurde er zum fünften Abt des Antaiji-Klosters in Kyoto ernannt — eines der bedeutendsten Zen-Klöster Japans, dessen Traditionslinie bis heute weltweit wirkt. Erst 1962, drei Jahre vor seinem Tod, zog er sich ganz dorthin zurück.
Er sagte was er sah. Ohne Rücksicht auf Erwartungen, ohne spirituelle Verpackung, ohne den Trost den manche für Erleuchtung halten.
Seine Texte tragen den Titel „An Dich“ — im japanischen Original Jiko. Nicht an alle. An Dich. Die Person die gerade liest. Die Person die sich erkennt. Oder die sich nicht erkennt — und genau deshalb gemeint ist.
Diese Textreihe ist eine Hommage an ihn. Nicht seine Worte — aber sein Geist. Der Geist der direkt anspricht, nicht schont, und gleichzeitig nie vergisst: Ich sitze hier mit Dir. Nicht über Dir.
*„An Dich“, Angkor Verlag, übersetzt von Muhō
