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Wenn die Welt mich verschluckt

Über Zen, Narzissmus, Begegnung und warum ich diese Arbeit mache

Es gibt Tage, an denen die Nachrichten mich zu absorbieren scheinen, dann erlebe ich mich als bewirkt.

Ich öffne das Telefon — zu früh, zu oft — und sehe was sich auf der Weltbühne zeigt. Menschen – vor allem Männer – an Hebeln der Macht. Verachtung als Stil. Gewalt als Argument. Eigeninteresse als einzige Konstante. Spaltung, Kulturkampf, alte weiße Männer, die faulen Jungen, Woke, Konservative, Libertäre — Moralisierung und Bewertung ohne ersichtliches Ende. Vergegnung wohin man schaut.

Und dahinter — leiser, aber nicht weniger bedrängend — das Klima. Die Berichte über Extremwetter, schmelzende Gletscher, Kipppunkte die überschritten werden bevor wir uns geeinigt haben ob es sie gibt. Eine Erde die sich verändert während wir streiten.

Und dann die KI-Systeme, die in Monaten lernen, was Menschen in Jahrzehnten nicht begreifen. Die Frage ob das Menschliche — das Langsame, das Tastende, das Unvollkommene — noch einen Platz hat in einer Welt die nach Effizienz und Optimierung ruft. Ob Begegnung — echte, menschliche, zögernde Begegnung — eines Tages simulierbar sein wird. Ob sie es vielleicht schon ist.

Ich öffne das Telefon. Und beginne zu urteilen, zu sortieren, einzuteilen — die da, wir hier, die so, die anderen so. Ich merke es manchmal erst spät: Dass ich längst nicht mehr hinschaue — sondern bestätige. Dass ich keine Nachrichten mehr lese, sondern Belege sammle für ein Bild der Welt, das ich bereits hatte.

Das ist der Moment in dem die Welt mich verschluckt hat oder ich mich in Ihr verliere. Nicht in der Welt da draußen. In meinem inneren Bild von ihr.

Was ich beschreibe ist kein vorübergehendes Stimmungstief. Es ist ein Grundrauschen.

Ich erlebe es bei mir. Ich erlebe es bei den Menschen die zu mir kommen. Und ich höre es in Gesprächen mit Freunden, Kollegen, Fremden — Menschen die eigentlich ihr Leben gut im Griff haben und die dennoch beschreiben, dass da etwas ist. Etwas Diffuses. Etwas das schwer zu benennen ist oder vielleicht zu komplex und vielfältig und das sich auf die Seele legt wie ein Gewicht das man nicht absetzen kann.

Es hat viele Namen. Emotionale Erschöpfung. Orientierungslosigkeit. Das Gefühl, dass die Welt schneller wird als man folgen kann. 

Wenn ich ehrlich mit mir selbst bin — und wenn die Menschen die zu mir kommen ehrlich sind — dann ist es meistens: Angst. 

Nicht die akute Angst vor einer konkreten Bedrohung. Sondern die chronische, leise, allgegenwärtige Angst vor dem was kommen könnte. Vor dem was sich verändert. Vor dem was bleibt, wenn das Vertraute nicht mehr trägt.

Das ist der Boden auf dem wir alle gerade zu stehen scheinen. Und es wäre unehrlich, so zu tun als würde das spurlos an mir vorbeigehen.

Und das ist auch das, was ich in meiner Arbeit jeden Tag beobachte. In dem Satz der immer wiederkehrt, in unterschiedlichen Verkleidungen aber mit demselben Kern:

Ich verstehe nicht, warum die anderen nicht sehen, was ich sehe. Ich jedenfalls habe Angst.

Ich höre das ohne Urteil. Denn ich kenne diesen Satz aus meinem eigenen Inneren.


Die Schwerkraft des Ich

Der Philosoph Martin Buber hat einmal beschrieben, wie Menschen grundsätzlich in zwei Modi existieren können. Im Ich-Du begegne ich dem anderen als Subjekt — als jemanden der eine eigene Wahrheit trägt, eine eigene Geschichte, ein eigenes Erleben. Im Ich-Es begegne ich ihm als Objekt — als Funktion, als Mittel, als Fläche auf die ich projiziere was ich gerade brauche.

Das Erschreckende an dieser Unterscheidung ist nicht, dass es böse Menschen gibt die im Ich-Es leben. Das Erschreckende ist, wie selbstverständlich wir alle — die meisten von uns, die meiste Zeit — im Ich-Es unterwegs sind.

Wir begegnen unseren Kindern als Erweiterung unserer eigenen Vorstellungen davon, wie das Leben sein sollte. Wir begegnen unseren Partnern als Spiegel unserer eigenen Bedürfnisse. Wir begegnen unseren Mitarbeitern als Instrumente unserer Ziele. Wir begegnen uns selbst als Projekt das optimiert werden muss.

Das ist keine Bosheit. Das ist Schwerkraft.


Was Narzissmus für mich bedeutet

Wenn ich von Narzissmus spreche, meine ich keine klinische Diagnose. Ich meine etwas Universelleres — das fundamentale menschliche Phänomen, sich selbst ins Zentrum zu setzen und zu vergessen, dass ich nicht getrennt bin. Nicht aus Bosheit, sondern aus Not. Aus Angst. Aus dem tief eingeschriebenen Versuch, sich in einer unsicheren Welt zu orientieren, zu überleben.

Das Ich zieht alles zu sich hin wie ein Gravitationsfeld. Jede Begegnung wird zur Frage: Was bedeutet das für mich? Jeder andere Mensch wird zur Frage: Wie nützt er mir — oder bedroht er mich?

Das ist menschlich. Und es ist gleichzeitig die Quelle von enorm viel Leiden — für uns selbst und für die Menschen um uns herum.

Die Mutter die aus Schuldgefühl gibt, gibt nicht für den Sohn. Sie gibt für ihr eigenes Grundrauschen. Der Vater der seine Kinder nicht versteht, versteht nicht, weil er nicht wirklich hinsieht — weil er schon weiß was er sehen will. Der Sohn der den Vater anklagt, klagt nicht wirklich den Vater an — er klagt seine eigene Unsicherheit an, die er im Vater gespiegelt sieht.

Wir drehen uns. Immer wieder. Um uns selbst.

Das ist nichts Neues. Buber hat es beschrieben. Erich Fromm hat es analysiert. Schopenhauer hat im Willen zur Selbsterhaltung die treibende Kraft allen menschlichen Handelns gesehen. Und die Weisheitstraditionen — ob Zen, Christentum oder Stoa — haben seit Jahrtausenden dasselbe Problem im Blick: das kleine Ich das sich aufbläst und dabei das Wesentliche verdeckt.

Was neu ist, ist vielleicht das Tempo. Und die Sichtbarkeit.


VUCA — eine Welt die überfordert

Es gibt einen Begriff aus der Managementlehre, der das Zeitalter in dem wir leben auf vier Buchstaben verdichtet: VUCA.

Volatility — Volatilität. Die Dinge verändern sich schneller als wir ihnen folgen können. Was gestern galt, gilt heute nicht mehr.

Uncertainty — Unsicherheit. Wir wissen nicht was kommt. Planung wird zur Illusion.

Complexity — Komplexität. Die Zusammenhänge sind so vielschichtig, dass kein einzelner Mensch sie mehr überblicken kann.

Ambiguity — Mehrdeutigkeit. Eindeutige Antworten werden seltener. Fast alles kann auch anders gelesen werden.

Diese vier Eigenschaften unserer Zeit erzeugen etwas sehr Bestimmtes im Menschen: das Bedürfnis nach Kontrolle. Nach Vereinfachung. Nach klaren Feinden und klaren Freunden. Nach Erklärungen die Komplexität auflösen — auch wenn sie dafür die Wirklichkeit verfälschen müssen.

Mit anderen Worten: VUCA befeuert das Ich-Es. Es macht aus Menschen Kategorien. Aus Begegnung wird Einordnung. Aus Neugier wird Abwehr.

Das ist keine individuelle Schwäche. Das ist eine kollektive Reaktion auf eine Welt die überfordert oder deren Vielfalt an Informationen und Reizen überfordert.

Und das ist die Zeit und der Kontext, in dem meine Arbeit stattfindet.


Wenn die Weltbühne mich verschluckt

Ich werde eng. Manchmal verzweifelt. Ich frage mich: Was soll das bringen? Was bewirkt mein Wirken gegen das was sich da draußen zeigt? Sollte ich nicht einfach tun, was vermeintlich alle tun — konsumieren, betäuben, ablenken, nehmen was mir guttut und die Welt sich selbst überlassen?

Dann kommt die leisere, unbequemere Frage: Überfordere ich mich mit meinem Versprechen? Habe ich die Kraft und die Geduld die es braucht? Sorge ich gut genug für mich — für meinen Körper, meine Seele — damit ich geben kann ohne auszubrennen?

Und die leiseste Frage von allen: Werde ich merken, wenn ich anfange zu schieben statt zu begleiten? Wenn aus Ich-Du wieder Ich-Es wird, ohne dass ich es bemerke?

Diese Fragen haben keine abschließende Antwort. Aber ich halte sie für wichtiger als jede Antwort. Denn der Moment in dem ich aufhöre sie zu stellen, ist der Moment in dem ich anfange, mich selbst zu belügen.


Sisyphus und die Windmühlen

Albert Camus hat den Mythos des Sisyphus neu gelesen — den Mann der seinen Stein den Berg hinaufrollt, ihn oben ankommen sieht, und zusieht wie er wieder hinunterrollt. Für immer.

Camus‘ Antwort auf diese absurde Situation war keine Resignation. Er schrieb: Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen.

Nicht weil er gewinnt. Nicht weil der Stein oben bleibt. Sondern weil er sich nicht aufgibt. Weil der Weg selbst — das Tragen, das Hinaufsteigen, das Weitermachen — seine eigene Würde hat.

Hannah Arendt hat etwas Ähnliches beschrieben, wenn auch anders: Jede Handlung pflanzt einen Samen. Ob er aufgeht, ob man die Frucht sieht — das liegt nicht in unserer Hand. Was in unserer Hand liegt, ist die Handlung selbst. Ihre Qualität. Ihre Aufrichtigkeit.

Und Viktor Frankl — der in den Lagern des Zweiten Weltkriegs das Äußerste erlebt hat, was Menschen einander antun können — hat geschrieben, dass der Sinn nicht trotz des Leidens entsteht. Sondern durch die Haltung die man ihm gegenüber einnimmt.

Ich bin kein Sisyphus. Ich trage keinen Stein. Aber ich kenne den Moment am Fuß des Berges — wenn der Stein wieder unten liegt und man sich fragt ob es sich lohnt, nochmal anzufangen.

Was mich dann weitertreibt, ist nicht Optimismus. Es ist Überzeugung. Die Überzeugung, dass jede echte Begegnung — jeder Moment in dem ein Mensch sich selbst klarer sieht, in dem zwei Menschen wirklich miteinander da sind — etwas verändert. Unhörbar. Unsichtbar. Aber real.

War das nicht schon immer so?

Manchmal halte ich inne und frage mich: Ist das wirklich neu?

Hat es nicht immer Männer an Hebeln der Macht gegeben? Kriege, Gleichgültigkeit, Spaltung? Hat nicht jede Generation geglaubt, dass es gerade besonders schlimm ist — dass jetzt der Moment ist in dem alles kippt?

Vielleicht.

Und trotzdem fühlt es sich anders an, als in meiner Vorstellung von vergangenen Krisen oder in meiner Erinnerung an zurückliegende. Das Tempo. Die Gleichzeitigkeit. Die Art wie das alles in jeden Moment eingewoben ist, in jede Stille, in jeden Morgen bevor der erste Kaffee fertig ist.

Vielleicht ist es nicht schlimmer. Aber es ist näher.

Und ich frage mich: Was wäre das Gegenmittel? Heiterkeit? Das klingt nach Kapitulation — und gleichzeitig nach etwas, das ich an den Menschen bewundere, die es haben. Die hinschauen ohne zu versinken. Die lachen können über das Groteske, ohne es zu verharmlosen.

Miteinander sprechen? Gemeinsame Räume schaffen — im Wortsinne und im übertragenen? Wohnzimmer in denen verschiedene Menschen zusammenkommen, ohne Agenda, ohne Ergebnis?

Achtsamkeit — nicht als Selbstfürsorge, nicht als Wellness-Praxis, sondern als das, was sie ursprünglich war: immer wieder aufwachen. Aus dem Autopiloten. Aus dem Albtraum der Gewohnheit. Raus aus der Lähmung — rein ins Handeln.

Aber wie?

Und reicht was ich tue?

Das ist die Frage die mich nachts manchmal wach hält. Nicht als Vorwurf — als echte, offene Frage. Richte ich es mir zu bequem ein in meinem kleinen Wirkungskreis? Erkläre ich mir das als ausreichend, weil es sich gut anfühlt — weil es mich nicht überfordert, weil es meinen Gelübden entspricht ohne mich wirklich zu fordern?

Ich weiß es nicht.

Was ich weiß: Die Frage selbst ist wichtig. Der Moment in dem ich aufhöre sie zu stellen, ist der Moment in dem ich anfange, mich einzurichten.


Die Stoa und die Frage die sie aufwirft

Die Stoa hätte eine klare Antwort auf mein Grundrauschen.

Epiktet, Marc Aurel, Seneca — sie alle würden sagen: Unterscheide was in deiner Macht liegt und was nicht. Die Weltbühne liegt nicht in deiner Macht. Deine Reaktion darauf schon. Übe die Tugend. Lebe das Gute. Lass den Rest los.

Das ist keine schlechte Antwort. Es ist tatsächlich eine gute Antwort. Und ich praktiziere etwas davon — in der Meditation, in der Frage was ich wirklich beeinflussen kann und was ich nur mit meiner Energie füttere.

Aber.

Manchmal frage ich mich: Wenn ich nicht erschüttert wäre — wenn die Dinge mich wirklich kalt ließen — würde ich dann überhaupt ins Handeln kommen?

Wenn das Leid der anderen mich nicht berührte. Wenn die Angst meiner Klienten an mir abperlte. Wenn mir die Weltlage egal wäre, weil ich gelernt habe, mich nicht erschüttern zu lassen — wäre das Weisheit? Oder wäre das Gleichgültigkeit in edlem Gewand?

Es gibt einen Begriff dafür: Spiritual Bypassing. Der Versuch, spirituelle Praxis als Schutzschild zu benutzen — um nicht fühlen zu müssen, was schwer ist. Um über dem Schmerz zu stehen statt in ihm. Um Gelassenheit zu üben als Vermeidung statt als Reife.

Ich kenne das von innen. Den Moment in dem Meditation nicht Ankommen ist — sondern Wegbleiben. In dem Achtsamkeit nicht Hinschauen ist — sondern kunstvolles Hinwegschauen.

Das ist nicht was ich will. Und ich glaube, das ist auch nicht was die Stoa wirklich meinte — Marc Aurel war Kaiser in Kriegszeiten. Er hat gehandelt. Erschüttert oder nicht.

Vielleicht ist die Antwort nicht: Lass dich nicht erschüttern.

Sondern: Lass dich erschüttern — und handle trotzdem. Oder gerade deshalb.

Und gleichzeitig war Marc Aurel nicht nur ein Beobachter. Er war einer der Männer an den Hebeln der Macht. Er hat Kriege geführt. Entscheidungen getroffen, deren Folgen andere getragen haben.  Wenn ich mich mit Ihm auseinandersetze, frage ich mich deshalb manchmal: Ist diese Ruhe die Folge von Weisheit — oder auch eine Form, mit der Last der eigenen Rolle umgehen zu können, ohne daran zu zerbrechen? Vielleicht ist beides wahr.

Das Herz aus Fleisch und Blut, von dem Buber einmal schrieb — es tut weh. Das ist keine Fehlfunktion. Das ist die Bedingung.


Eine alte Antwort in neuen Worten

Es gibt in der buddhistischen Tradition ein Versprechen, das mich seit Jahren begleitet und das ich in meinen Zen-Gelübden immer wieder erinnere, erneuere — manchmal vergesse ich es.

Es lautet in seiner einfachsten Form: Ich werde nicht zur Ruhe kommen, solange noch ein einziges Wesen leidet und solange ich entdecke, wie ich Leiden erzeuge, verstärke, woran ich anhafte und wo das Jetzt zu finden ist.

Modern übersetzt bedeutet das für mich: Ich werde nicht aufhören, daran zu arbeiten, dass mehr Menschen sich wirklich begegnen können. Dass das große Selbst — das nicht aufhört bei meiner Haut — ein bisschen sichtbarer wird in der Welt.

Nicht das kleine Ich das seinen Kaffee trinkt und seinen Terminkalender pflegt. Sondern das, was sich in jedem Menschen ausdrückt — in dir, in mir, im Menschen gegenüber in der U-Bahn der aussieht als hätte er gerade geweint.

Das ist keine Mystik. Das ist Erfahrung. Die Erfahrung, dass echter Kontakt heilt — nicht, weil er Probleme löst, sondern weil er Isolation beendet. Und Isolation ist, so glaube ich, das tiefste Leiden unserer Zeit.

Das Ich, das sich selbst begegnet

Bevor ich andere begleiten kann, brauche ich mich selbst.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Zumutung — und eine Praxis. Die Frage ob ich gut genug für meinen Körper und meine Seele sorge, ist keine Nebenfrage. Sie ist die Voraussetzung für alles andere.

Ein Therapeut der sich selbst nicht begegnet, kann seinem Klienten nicht wirklich begegnen. Ein Mensch der sein eigenes Grundrauschen nicht kennt, wird es in jede Begegnung hineintragen — ohne es zu bemerken.

Selbstfürsorge ist deshalb für mich keine Erholung vom Auftrag. Sie ist Teil des Auftrags. Das Ich-Du beginnt mit dem Ich.


Die Kraft der Stille

Sonntags begleite ich Zen-Meditation.

Ich sitze mit den anderen. Nicht für sie — mit ihnen. Das ist ein Unterschied der sich klein anhört und alles verändert.

In der Stille — wenn die Gedanken sich setzen, wenn das Grundrauschen leiser wird — entsteht etwas. Ein Bild. Ein Satz. Eine Einsicht die ich nicht herbeigeführt habe und die sich dennoch zeigt. Wenn ich dann im Dharma Talk spreche, bin ich selbst überrascht von dem was aufsteigt. Als würde die Stille sprechen — nicht ich.

Das ist für mich Achtsamkeit in ihrer tiefsten Form. Nicht Technik, nicht Methode, nicht das Beobachten des Atems als Übung. Sondern das Innehalten, das Geschehen lassen, das Vertrauen, dass sich zeigt was sich zeigen will — wenn man aufgehört hat es zu erzwingen.

Das lateinische Wort Religio — von dem das Wort Religion stammt — bedeutet nicht Glaube. Es bedeutet zurückkehren. Sich wieder verbinden. Mit dem was immer schon da war, bevor das kleine Ich sich darübergelegt hat.

In der Stille des Sonntags kehre ich zurück. Nicht zu einer Lehre, nicht zu einem Konzept. Zu dem was ist. Zu dem was wir alle sind, wenn die Rollen und Schutzstrategien und Überzeugungen einen Moment lang Pause machen.

Und in diesem Zurückkehren erfahre ich — immer wieder, auch nach Jahren — dass das große Selbst nicht abstrakt ist. Es sitzt neben mir. Es atmet. Es zweifelt. Es hat Angst. Es hofft.

Genau wie ich.


Die eigene Praxis

Ich lade zu etwas ein, das ich selbst täglich übe. Nicht immer gut. Oft schlafe ich mit offenen Augen. Im Autopiloten.

Ich merke — wenn ich aufmerksam bin — wenn mein Denken stereotypisch wird. Wenn ich jemanden einordne bevor ich ihn wirklich gesehen habe. Wenn die Nachrichten mein Bild von der Welt vergiften — die sind so, die anderen so — und ich anfange, Menschen in Kategorien zu sortieren statt in ihnen Menschen zu sehen.

Das ist harte Arbeit. Oft erschreckend — weil man sieht, wie automatisch das läuft. Wie schnell das Urteil da ist, bevor die Begegnung überhaupt begonnen hat.

Manchmal ist es auch amüsant. Fast grotesk. Wenn ich mich dabei beobachte, wie ich jemandem gegenübersitze und innerlich bereits weiß was er sagen wird, was er meint, was er ist — und dann sagt er etwas, das alles durchkreuzt. Und ich merke: Ich war gerade weg. Ich war bei meinem Bild von ihm — nicht bei ihm.

Das ist der Moment den ich suche. Nicht weil er angenehm ist. Sondern weil er mich zurückbringt.

Zurück zur Begegnung. Zurück zum Du.


Eine Einladung

Ich glaube, dass die Welt mehr Ich-Du braucht.

Nicht als Forderung. Nicht als moralische Pflicht. Sondern als Möglichkeit — eine die die meisten Menschen noch nicht wirklich erfahren haben, weil niemand sie je dazu eingeladen hat.

Was wäre, wenn du dem Menschen gegenüber — deinem Kind, deinem Partner, deinem Mitarbeiter, dem Fremden in der U-Bahn — für einen Moment wirklich hinschauen würdest? Nicht um zu beurteilen, nicht um zu verstehen, nicht um zu helfen.

Einfach um zu sehen.

Was ist das für ein Mensch? Was trägt er? Was schützt er? Was sucht er?

Das ist keine Technik. Das ist eine Haltung. Und sie beginnt mit einem einzigen Moment der Achtsamkeit.

Mein Versprechen — modern übersetzt — lautet ungefähr so: Ich werde nicht aufhören, daran zu arbeiten, dass immer mehr Menschen sich wirklich begegnen.

Das ist mein Auftrag. Und meine Einladung an dich.


Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch, Ausbilder für Gestalttherapeut*innen und MBSR-Lehrer in Köln.

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