Der Coach, der feststeckt und nicht weiß, warum
Über Methoden, Widerstände und den Moment in dem Coaching wirklich beginnt
Er kommt nicht zum ersten Mal zu mir.
Er ist Coach. Seit über fünfzehn Jahren. Gut ausgebildet, methodisch sicher, mit einem Klientenstamm, der ihn weiterempfiehlt. Er weiß, was er tut. Er hat Werkzeuge. Er kennt die Modelle. Und vielleicht gerade deswegen sitzt er mir gegenüber mit einer Frage die ihn nicht loslässt:
Warum ändert sich bei manchen Klienten nichts — obwohl sie alles verstehen?
Das vertraute Muster
Er beschreibt es so: Der Klient kommt. Sie arbeiten zusammen. Ziele werden definiert, Hindernisse analysiert, Schritte geplant. Der Klient nickt. Versteht. Geht motiviert nach Hause. Und zwei Wochen später ist alles wieder wie vorher.
Er nennt das Widerstand. Er hat gelernt, Widerstand zu benennen, zu normalisieren, zu bearbeiten. Er hat Techniken dafür. Reframing. Skalierungsfragen. Ressourcenaktivierung.
Und trotzdem.
Er sagt: Manchmal sitze ich da und merke — ich rede mit jemandem über sein Leben. Aber ich bin nicht wirklich dabei. Ich denke schon an die nächste Intervention. Ich höre zu, um zu verstehen — nicht um zu begegnen. Ich bin und dass ist das schlimmste daran, irgendwie getrennt.
Er schaut mich an. Als hätte er das zum ersten Mal laut ausgesprochen.
Was Methoden nicht können
Ich kenne diesen Moment. Nicht nur aus der Beschreibung anderer.
Es gibt eine Art des Zuhörens, die eigentlich schon Vorbereitung ist. Man hört was der andere sagt — und sortiert es gleichzeitig. Welches Modell passt hier? Welche Frage bringt ihn weiter? Wo liegt der eigentliche Glaubenssatz?
Das ist kein schlechtes Zuhören. Es ist kompetentes Zuhören. Professionelles Zuhören.
Aber es ist kein Kontakt.
Martin Buber hat einmal geschrieben, dass echter Kontakt nicht entsteht, wenn ich dem anderen gegenüberstehe und ihn analysiere — sondern wenn ich mich und ihn wirklich wahrnehme. Als Subjekt. Als jemanden, der eine eigene Wahrheit trägt, die ich nicht kenne und nicht kennen kann bevor er sie mir zeigt. Der Coach der mit Methoden arbeitet, arbeitet mit seinem Wissen über Menschen, am Menschen. Der Therapeut — oder der Coach der Gestalt versteht — arbeitet mit dem Menschen vor ihm.
Das ist der Unterschied.
Warum Klienten zurückfallen
Wir sprechen lange über das was er das Zurückfallen nennt. IIrgendwann frage ich ihn: Was glaubst du, warum das passiert?
Er überlegt. Dann: Weil sie es noch nicht wirklich wollen. Weil der Leidensdruck nicht groß genug ist. Weil alte Muster stärker sind als neue Einsichten.
Ich nicke. Das stimmt alles.
Und dann frage ich: Was wäre, wenn das Zurückfallen gar kein Versagen wäre? Was wäre, wenn es eine Botschaft wäre?
Er schaut mich an.
In der Gestalttherapie nennen wir das den Widerstand würdigen. Nicht überwinden. Nicht bearbeiten. Erforschen und Würdigen. Denn der Widerstand schützt etwas — eine Überzeugung, eine Angst, eine früh gelernte Strategie die einmal notwendig war. Und dann geht es weiter:
Was ist dieser Widerstand?
Wie fühlt er sich von innen heraus an?
Wie lässt er sich beschreiben, mehr ins Bewusstsein holen?
Was schützt er?
Wenn ich als Coach den Widerstand überwinden will, kämpfe ich gegen den Klienten. Auch wenn ich es freundlich tue. Wenn ich ihn frage: Wie ist das genau? Was schützt dich dieser Widerstand? — dann beginnt etwas anderes.
Die Wendung
In einer späteren Sitzung erzählt er von einem Klienten. Einem der seit Monaten dieselben Themen dreht. Der Ziele setzt und sie nicht erreicht. Der sich entschuldigt, erklärt, verspricht.
Er sagt: Ich habe diesmal etwas anderes gemacht. Ich habe aufgehört zu denken was als nächstes kommt. Ich habe einfach — hingeschaut. Wirklich hingeschaut. Und ich habe ihn gefragt: Was passiert gerade in dir, in diesem Moment?
Der Klient war still. Lange.
Dann sagte er: Ich glaube ich habe Angst. Nicht vor dem Scheitern. Vor dem Gelingen. Wenn es klappt — was dann? Wer bin ich dann?
Er sagt: Das hatte ich in all den Sitzungen davor nie gehört. Nicht, weil er es nicht gesagt hätte. Sondern, weil ich nicht wirklich gefragt hatte.
Was sich verändert hat
Es ist keine Technik die er gelernt hat. Es ist eine innere Haltung, die sich verschoben hat.
Vom Machen zu Erforschen und Würdigen. Von Wissen zum Fragen. Vom Verstehen zum Begegnen.
Das klingt klein. Es ist nicht klein.
Denn wenn ich aufhöre, zu wissen was der andere braucht — wenn ich anfange, wirklich interessiert zu sein an dem, was er erlebt, jetzt, in diesem Moment — dann verändert sich der Raum zwischen uns. Er wird echter. Weniger konstruiert. Weniger professionell im guten Sinn.
Und in diesem echteren Raum — das ist meine Erfahrung, nach vielen Jahren — geschieht Veränderung. Nicht, weil ich sie herbeiführe. Sondern, weil der Klient sich selbst begegnet. Vielleicht zum ersten Mal wirklich.
Das ist das Paradox der Veränderung, das Fritz Perls einmal beschrieben hat: Veränderung geschieht nicht wenn ich versuche, etwas anderes zu sein. Sondern wenn ich wirklich bin was ich bin — und gesehen werde darin.
Wie lernt man das?
Er fragt mich irgendwann: Wie lernt man das?
Ich sage: Nicht durch ein weiteres Modell. Nicht durch eine weitere Technik.
Durch Selbsterfahrung. Durch die eigene Begegnung, mit dem, was in einem steckt — den eigenen Mustern, den eigenen blinden Flecken, den eigenen Widerständen.
Wer sich selbst begegnet ist, kann andere begleiten, sich selbst zu begegnen.
Das ist der Kern einer Gestaltausbildung. Nicht Wissen über Menschen. Sondern Kontakt — mit sich selbst und mit dem anderen.
Das lernt man nicht in einem Wochenend-Seminar. Das lernt man in Jahren. In einer Gruppe. Im Dialog. In der Begegnung.
Die Szene in diesem Text basiert auf einer realen Begegnung. Alle Details, die Rückschlüsse auf die Person ermöglichen könnten, wurden verändert.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch, Ausbilder für Gestalttherapeut*innen und MBSR-Lehrer in Köln. Er leitet die Gestaltausbildung am Gestalt Training Center Köln.
