Vielleicht hast Du ADHS? 

Über eine Diagnose die das Umfeld stellt — und was sie wirklich aussagen könnte

Er kommt, weil er nicht versteht, warum er im Meeting immer wieder abdriftet. Warum er Gesprächen nicht folgen kann, die ihn eigentlich interessieren. Warum seine Gedanken weglaufen, genau dann wenn er präsent sein will. Er ist genervt von sich selbst.

Sein Umfeld hat eine Erklärung: Hast du mal über einen ADHS-Test nachgedacht?

Er hat nachgedacht. Lange. Und ist nicht sicher.


Was das Umfeld sieht

Abschweifen. Zerstreuung. Konzentrationsprobleme. Sprunghaftigkeit. Das sind die Worte die verwendet werden — von Kollegen, von der Partnerin, manchmal von einem Arzt der fünfzehn Minuten Zeit hat.

Die Worte beschreiben etwas Reales. Er schweift ab. Er zerstreut sich. Er kann sich manchmal nicht konzentrieren.

Aber sie beschreiben es von außen.

Sie fragen nicht: Wohin geht er, wenn er abdriftet? Was passiert in dem Moment davor? Was löst den Tunnel aus?


Was ich beobachte

Wenn ich mit Menschen wie ihm arbeite und wir gemeinsam genauer hinschauen, entdecken wir oft etwas Unerwartetes.

Das Abschweifen ist nicht willkürlich. Es hat ein Momentum. Einen Auslöser. Meistens etwas Kleines — ein Ton in der Stimme, ein Blick, eine Situation die an etwas erinnert das lange zurückliegt.

Und dann — der Tunnel.

In der Gestalttherapie nennen wir das Deflektion — eine Form der Kontaktunterbrechung. Kein bewusstes Wegsehen, sondern ein erlerntes Ausweichen. Der Kontakt zur Situation, zum Gegenüber, zu sich selbst wird umgeleitet, bevor er schmerzhaft werden kann. Nicht aus Schwäche. Aus einem sehr früh gelernten Schutz.


Der Junge der aufgehört hat hinzuschauen

Als wir forschen, wie sich dieses Abschweifen genau anfühlt, wie es entsteht, erinnert er sich irgendwann an etwas sehr bedeutsames.

Erste oder zweite Klasse. Er hat gerne geschrieben. Hat sich angestrengt, hat Freude daran gehabt. Dann hat ein Lehrer ihn beschämt — vor der Klasse, wegen eines Fehlers, auf eine Art die er nicht vergessen hat.

Danach: keine Freude mehr am Schreiben.

Und — das ist das Entscheidende — danach auch kein wirkliches Hinschauen mehr. Kein Verweilen. Als wäre die Aufmerksamkeit selbst gefährlich geworden.

Er hat nicht die Konzentration verloren. Er hat gelernt, sich zu schützen.

Das Abschweifen ist kein Defizit. Es ist eine Antwort. Eine sehr frühe, sehr kluge Antwort auf eine Erfahrung die zu groß war.


Den Tunnel kennenlernen

In den folgenden Sitzungen üben wir etwas, das sich zunächst seltsam anfühlt.

Nicht das Abschweifen bekämpfen. Sondern es beobachten.

Wann kommt der Tunnel? Was geht dem voraus? Was fühlt sich in dem Moment an — im Körper, in den Gedanken, im Kontakt mit mir als Gegenüber?

Er wird zunehmend neugieriger auf sich selbst. Entdeckt Muster. Bemerkt dass der Tunnel fast immer dann kommt, wenn er denkt, er werde gerade bewertet. Wenn jemand einen Ton anschlägt der an damals erinnert. Wenn die Situation etwas von ihm verlangt das ihn an den Jungen erinnert, der beschämt wurde.

Irgendwann sagt er: Ich gehe nicht weg. Ich gehe zurück. Zu etwas das alt ist.


Die Würdigung

Es gibt einen Moment in dieser Arbeit, der entscheidend ist.

Nicht der Moment in dem er versteht was passiert. Sondern der Moment in dem er aufhört, es zu bekämpfen und stattdessen beginnt, es bewusster wahrzunehmen.

Die Deflektion — das Abschweifen, der Tunnel, die Zerstreuung — war keine Fehlfunktion. Sie war eine Strategie. Eine die ihn geschützt hat, lange bevor er wusste, was Schutz ist.

Der Beipackzettel dieser Strategie ist groß. Sie kostet Energie. Sie erzeugt Erschöpfung. Sie lässt ihn glauben, er sei falsch — weil er sich nicht konzentrieren kann, nicht konsequent an Plänen arbeiten kann, nicht funktioniert wie andere.

Aber sie hat auch etwas gerettet. Etwas das bewahrt werden wollte.

Als er das würdigen lernt — nicht als Schwäche, sondern als Intelligenz — verändert sich etwas. Der innere Kampf wird leiser. Ich bin falsch wird zu: Ich habe damals das Richtige getan. Und jetzt lerne ich etwas Neues.

Aus diesem Frieden entsteht Raum. Raum für Wahrnehmen. Für Fühlen. Für Kontakt mit dem was wirklich da ist — nicht mit dem was damals war.

Die Erschöpfung nimmt ab. Die Selbstzweifel auch.

Nicht, weil das Problem gelöst ist. Sondern weil er aufgehört hat, gegen sich selbst zu kämpfen.


Die Frage die bleibt

Manchmal, wenn ich mit jemandem wie ihm sitze und sehe wie sich etwas löst — wie Raum entsteht wo vorher Kampf war — frage ich mich:

Wie viele Kinder laufen gerade auf der Welt herum, die Ähnliches erlebt haben? Die eine ähnliche Schutzstrategie entwickelt haben — klug, früh, notwendig — und die nicht als klug gesehen werden. Sondern als auffällig. Als störend. Als behandlungsbedürftig.

Wie viele von ihnen nehmen Medikamente, die das Abschweifen unterdrücken — ohne dass jemals jemand gefragt hat, wohin sie eigentlich gehen, wenn sie abdriften?

Wie viele werden in gewisser Weise innerlich verschickt — woanders hin. Zu mehr Anpassung. Zu mehr Funktionieren. Zu mehr Leisten.

Weg von sich selbst.

Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht wissen.

Aber die Frage lässt mich nicht los.


Was das mit ADHS zu tun hat

Vielleicht hat er ADHS. Ich bin kein Psychiater und maße mir keine Diagnose an.

Aber ich beobachte, dass die Frage — Hast du mal über einen Test nachgedacht? — oft dann gestellt wird, wenn jemand anders ist. Wenn jemand nicht folgt, nicht funktioniert, nicht passt.

Und ich beobachte, dass diese Frage selten andere Frage zulässt: Was ist passiert? Was schützt dieses Verhalten? Was wäre, wenn das Abschweifen nicht Störung ist — sondern Sprache?

Eine Sprache, die etwas sagt, wenn man ihr zuhört.

Das ist keine Absage an Diagnosen oder Medikamente. Es ist eine Einladung, vorher hinzuschauen.

Genau hinzuschauen.


Die Szene in diesem Text basiert auf einer realen Begegnung. Alle Details, die Rückschlüsse auf die Person ermöglichen könnten, wurden verändert.

Alexander Kopp ist Gestalttherapeut nach der Kölner Schule, Ausbilder für Gestalttherapeut*innen und MBSR-Lehrer in Köln.

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