Als meine Schwester starb
Über Ohnmacht, Würde und das was zwischen Menschen möglich wäre
Es gibt ein Bild, das beim Schreiben dieses Textes in mir auftaucht und das den Rest meines Lebens Teil von mir sein wird.
Meine Schwester (59 Jahre alt) sitzt auf einem Krankenhausbett. Allein. Nach einem schweren Schlaganfall, nach Wochen in denen ihr Körper durch ein System geschleust wurde, das sie nicht wirklich gesehen hat. Ich sehe sie von hinten, Sie sitzt, schwankt — und droht zu fallen. Niemand ist da.
Ich betrete das Zimmer, sehe sie. Sehe sie zum ersten Mal seit vielen Monaten persönlich wieder.
In diesem Moment — bevor ich zu ihr gehe, bevor ich irgendetwas tue — ist da etwas in mir: Keine Wut, noch nicht. Keine Trauer, noch nicht. Etwas Anderes: Das hier kann nicht wahr sein.
Was vorher war — eine Chronologie 26. Februar 2024 – 18. April 2024 – 10 Wochen
Erste Aufnahme in einer Klinik wegen starker Schmerzen im Bein. Diagnose: Gefäßverengung, dann Gefäßoperation am rechten Fuß wegen Durchblutungsstörungen.
Entlassung nach einer Woche — trotz anhaltender starker Schmerzen, Übelkeit und innerer Unruhe. Keine weiterführende Diagnostik.
Wiederaufnahme am selben Tag — nach massiver Intervention des Hausarztes. Entschuldigung der Klinik für die vorschnelle Entlassung.
Wenige Tage darauf: Zweite Gefäßoperation. Weitere medizinische Eingriffe. Stimulation des vegetativen Nervensystems. Diverse Medikamente gegen Schmerzen, Übelkeit, Unruhe — die Liste umfasste mittlerweile über zehn Präparate.
Die Bitte an die Ärzte um weiterführende internistische Diagnostik. Wird mehrfach abgelehnt.
Wenige Tage darauf: Amputation des rechten Unterschenkels. Mit mehrfacher kurzfristiger Verschiebung am Tag der Operation – erneut zittern und bangen.
Verlegung in eine Rehabilitationsklinik — trotz weiterhin ungeklärter Begleitsymptome. Dort hört Sie auf zu essen und zu trinken.
Rückverlegung zur Magenspiegelung — ohne Befund.
Erneute Bitte um internistische Diagnostik — persönlich – Antwort des verantwortlichen Arztes: „Stellen Sie sich nicht so an. Essen Sie einfach etwas.“ Rückverlegung in die Reha.
Entscheidung auf eigene Verantwortung, nicht in mehr in die Reha zu gehen — sondern zu Hause zu bleiben und am nächsten Tag mit dem Hausarzt weitere Schritte zu klären. Dazu kommt es nicht.
Eine Nacht zu Hause. Am nächsten Nachmittag: erster schwerer Schlaganfall. Notarzt. Nottransport in eine neurologische Klinik. Dort Verzögerungen bei der bildgebenden Diagnostik. Eine Patientin, die in der Röhre Panik entwickelt — und einen weiteren Tag wartet, statt sediert zu werden. Erster Hinweis auf mögliche Metastasen im Gehirn.
Einen Tag später: Zweiter schwerer Schlaganfall. Notverlegung per Helikopter in eine andere Klinik. Weitere Not-OP, Gefäßeingriffe an den Halsschlagadern.
Einen Tag später – neun Wochen nach der ersten Aufnahme in einer Klinik: die seit Wochen überfällige Differentialdiagnostik. Befund: Lungenkrebs mit Metastasen im Gehirn und in der Wirbelsäule.
Entscheidung der Familie — ihrem ausdrücklichen Willen folgend: keine weiteren lebensverlängernden Maßnahmen.
- April 2024. Andrea stirbt gegen 19:50 Uhr.
Das Bild das bleibt
Zwischen diesen Daten liegt ein Leben. Liegt ein Mensch, meine Schwester, die Schmerzen hatte und nicht gehört wurde. Die entlassen wurde, als sie hätte bleiben müssen. Die 4 Operationen über sich ergehen lassen musste. Der Körperteile entfernt wurden, weil niemand gefragt hat, was wirklich nicht stimmt.
Ich schreibe diese Chronologie nicht um anzuklagen. Die Briefe dafür sind geschrieben — an die verantwortlichen Ärzte, an die Klinikleitungen, an die Qualitätsmanagements.
Ich schreibe sie damit sichtbar wird ,was sichtbar sein muss: dass das kein Einzelfall ist. Dass Menschen, die in Kliniken kommen mit Schmerzen und Angst und der Hoffnung, dass jemand wirklich hinsieht — dass diese Menschen zu oft nicht wirklich gesehen werden. Das höre ich in meiner Arbeit mittlerweile mit erschreckender Regelmäßigkeit.
Die Nacht vor ihrem Tod
Andrea wollte keine lebensverlängernden Maßnahmen. Das war ihr Wille. Klar, ausgesprochen, dokumentiert.
In der Nacht vor ihrem Tod wurde sie trotzdem mehrfach intubiert. Flüssigkeit aus der Lunge abgesaugt. Gegen ihren Willen.
Eine Pflegeperson, die es nicht ertragen konnte — so sagte sie es — sie ersticken zu lassen. Offensichtlich lernte Sie in der Ausbildung nicht, dass Menschen in dieser Situation nicht ersticken, sondern dass vorher mit großer Sicherheit etwas anderes geschieht (wie ich von einem befreundeten Chefarzt am gleichen Tag erfuhr). Und selbst wenn: Sie hat sich entschieden, Leiden zu verlängern statt zu lindern. Ohne sich dessen bewusst zu sein.
Ich verstehe die menschliche Not dahinter. Wirklich.
Und trotzdem: Das war nicht ihre Entscheidung zu treffen.
Das ist der Moment in dem ein System, das vorgibt dem Menschen zu dienen, anfängt ihn zu benutzen — für die eigene Unerträglichkeit, für die eigene Angst vor dem Tod, für die eigene Unfähigkeit auszuhalten was ausgehalten werden muss wenn jemand stirbt.
Der letzte Nachmittag
Am Nachmittag ihres Todestages begann Andrea sehr angestrengt zu atmen. Ihre Augen halb geöffnet. Sie stöhnte vor Schmerzen.
Wir verlangten nach der Ärztin und suchten dringend nach einer Palliativersorgung nach den Regeln der Kunst – im Krankenhaus selbst. Ich lief über die Flure, kein Arzt zu finden.
Die Ärztin kam nach fünfundvierzig Minuten.
Und teilte uns mit, dass sie eigentlich schon im Feierabend ist.
Ich werde diesen Satz nicht vergessen. Nicht weil er böse gemeint war. Nicht weil diese Ärztin ein schlechter Mensch ist. Sondern weil er so selbstverständlich gesagt wurde. Als wäre das eine Information, die in diesen Raum gehört. Als wäre das relevant — während meine Schwester litt.
Wir kämpften. Zwei Stunden lang. Um eine angemessene Morphiumdosis. Um einen Perfusor. Um ein Palliativkonsil. Um das Mindeste was einem sterbenden Menschen zusteht.
Wir bekamen es nicht.
Andrea starb gegen 19:50 Uhr. Nach fast drei Stunden, in denen sie mehr gelitten hat als notwendig gewesen wäre.
Was das in mir hinterlassen hat
Ich bin Gestalttherapeut. Ich begleite Menschen in schwierigen Momenten ihres Lebens. Ich kenne Ohnmacht — aus der Theorie, aus der Praxis, aus meiner eigenen Geschichte.
Aber das hier war anders.
Die Ohnmacht, einem System ausgesetzt zu sein , das die Würde eines Menschen nicht schützt — nicht aus Bosheit, sondern aus Gleichgültigkeit, aus Erschöpfung, aus Betriebswirtschaftslogik — das ist eine eigene Art von Trauma.
Ich habe in diesen Stunden nicht meditiert. Ich habe nicht die Gestaltperspektive eingenommen. Ich habe gekämpft, gefordert, telefoniert, Experten zugeschaltet, Formulierungen gewählt die vielleicht mehr bewirken als andere.
Und gleichzeitig war da — immer — das Wissen, dass das eigentlich nicht meine Aufgabe sein sollte.
Was ich innerlich durchlebt habe
Es gibt Momente in denen alle Theorie aufhört.
In denen man nicht mehr Therapeut ist, nicht mehr Zen-Praktizierender, nicht mehr jemand der weiß, wie man mit schwierigen Situationen umgeht.
Man ist einfach Bruder.
Ich saß an ihrem Bett und habe gebetet — nicht zu einem Gott den ich benennen könnte, sondern zu etwas das größer ist als die Situation. Dass sie nicht leidet. Dass das aufhört. Dass irgendjemand kommt und das Richtige tut.
Niemand kam.
Und dann — irgendwann in dieser langen Nacht und in den Tagen danach — begann etwas anderes. Kein Frieden, nicht sofort. Aber eine Klarheit.
Ich konnte nicht retten, was nicht zu retten war. Ich konnte nicht kontrollieren, was das System tat. Ich konnte nur da sein. Für sie. Mit ihr.
Das ist das Schwierigste und das Wichtigste zugleich — einfach da zu sein. Nicht um zu lösen, nicht um zu kämpfen, nicht um recht zu haben.
Sondern um Zeuge zu sein. Von ihrem Leben. Von ihrem Sterben. Von dem was zwischen uns war.
Die Frage die bleibt — und vielleicht eine Antwort
Irgendwann — Wochen nach ihrem Tod, in einer stillen Stunde — stellte ich mir eine Frage die ich zunächst nicht laut denken wollte.
War bei all dem Leid auch etwas gut?
Ich weiß wie das klingt. Und ich meine es nicht als Rechtfertigung für das was geschehen ist.
Aber ich denke daran: Andrea hat bis zu ihrem Tod nicht gewusst, wie schwer sie wirklich erkrankt war. Sie wusste nicht, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit gegen null ging. Sie wusste nicht, dass sie nur noch Wochen oder Tage zu leben hatte.
Die Odyssee durch die Kliniken — die Operationen, die Verlegungen, die ausgebliebene Diagnostik — hat sie in einem Zustand gehalten in dem das Schlimmste noch nicht benannt war. Sie hat gekämpft, gelitten, gehofft. Aber sie hat nicht gewusst was wir erst spät wussten. Oder vielleicht doch?
Und ich frage mich manchmal: Was wäre gewesen wenn die Diagnose früh gestellt worden wäre? Wenn sie gewusst hätte: Lungenkrebs, Metastasen, wenige Wochen?
Vielleicht war der Preis dieser Odyssee — so hoch er war, so unnötig er war — kleiner als der Preis dieses Wissens.
Ich weiß es nicht. Ich werde es nie wissen.
Aber die Frage hält mich offen. Sie verhindert, dass ich in Bitterkeit versinke. Sie erinnert mich daran dass das Leben — auch in seinen dunkelsten Momenten — Ambivalenz trägt. Dass Leid und etwas das man vielleicht Gnade nennen könnte, nebeneinander existieren.
Das tröstet mich nicht vollständig. Aber es gibt mir einen Ort an dem ich mit dem Geschehenen stehen kann.
Was Würde bedeutet
Martin Buber hat einmal beschrieben was es bedeutet einem Menschen wirklich zu begegnen. Nicht als Fall, nicht als Bett, nicht als Problem das gelöst werden muss oder als Aufwand der den Feierabend verzögert.
Sondern als Du.
Als jemanden der eine Geschichte hat, einen Willen, eine Würde die nicht aufhört wenn der Körper schwach wird. Die nicht aufhört, wenn die Prognose schlecht ist. Die nicht aufhört, wenn das Bett auf der Palliativstation belegt ist.
Was Andrea in diesen letzten Wochen erlebt hat — und was ich und die Familie dabei erlebt haben — war das Gegenteil davon. Ein System das Menschen als Ich-Es behandelt. Nicht immer. Nicht alle. Aber in den entscheidenden Momenten zu oft.
Das ist keine Anklage gegen einzelne Menschen. Es ist eine Beobachtung über ein System das unter Druck gerät — unter Personalmangel, unter Betriebswirtschaftslogik, unter Leitlinien, die Menschlichkeit nicht messen können — und das dabei verliert was es eigentlich sein sollte.
Für die die Ähnliches kennen
Ich weiß, dass ich nicht allein bin mit diesem Erleben.
Ich höre es in meiner Praxis. Ich höre es von Freunden, von Kollegen, von Menschen die nach Vorträgen kommen und flüstern: bei mir war das auch so. Bei meiner Mutter. Bei meinem Mann. Bei meiner Schwester.
Wir schweigen darüber – zu oft. Weil wir erschöpft sind. Weil wir nicht wissen, wie wir es sagen sollen. Weil wir Angst haben dass, man uns nicht glaubt oder dass es nichts ändert.
Deshalb schreibe ich das hier.
Nicht als Anklage. Sondern als Benennung.
Was ihr erlebt habt — die Ohnmacht, die Wut, die Erschöpfung, das Gefühl gegen Wände zu laufen während jemand den ihr liebt leidet — das ist real. Das ist nicht übertrieben. Das ist nicht Undankbarkeit gegenüber einem überlasteten System.
Das ist eine berechtigte Erfahrung die einen Namen verdient.
Was bleibt
Andreas Tod hat mich verändert. Nicht gebrochen — aber verändert.
Er hat mir mit einer Schärfe gezeigt, wofür ich arbeite. Warum Ich-Du nicht nur ein philosophisches Konzept ist. Warum Gewahrsein, echte Begegnung, die Bereitschaft wirklich hinzuschauen — nicht Luxus sind, nicht Wellness, nicht nett zu haben.
Sondern das Mindeste, was Menschen einander schulden.
Besonders in den Momenten, in denen jemand stirbt.
Ich schreibe das nicht um das System anzuklagen. Die Briefe dafür sind geschrieben.
Ich schreibe es für die Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Die in Zimmern saßen und gekämpft haben und nicht verstanden haben, warum das so schwer sein muss.
Und ich schreibe es als Erinnerung an Andrea — die mehr verdient hätte. Die einen Tod verdient hätte der ihr gehört. Der würdevoll war. Der in Stille geschehen konnte statt im Kampf.
Das hätte möglich sein können.
Das muss möglich sein.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch und Ausbilder für Gestalttherapeut*innen in Köln. Er ist der Bruder von Andrea die am 18. April 2024 verstorben ist.
