Nur 12 Minuten pro PatientIn
Eine Ärztin, die sich im inneren Widerstand gegen das System erschöpft hat
Sie betritt den Raum mit der Präzision einer Frau die gelernt hat, keine Zeit zu verschwenden.
Ärztin. Seit zwanzig Jahren. Fachärztin für Innere Medizin, Praxis in einer mittelgroßen Stadt, dreissig bis vierzig Patienten pro Tag. Sie weiß was sie tut. Sie ist gut darin.
Und sie ist am Ende.
Nicht körperlich — das auch. Aber vor allem seelisch. An einer Grenze, die sie lange nicht benennen konnte und die sie jetzt, hier, zum ersten Mal ausspricht:
Ich erkenne mich nicht mehr. In dem was ich tue.
Das System
Sie beschreibt es sachlich. Fast klinisch. Als würde sie einen Befund vorlesen.
Zwölf Minuten pro Patient. Das ist der Richtwert. Zwölf Minuten für Anamnese, Untersuchung, Diagnose, Aufklärung, Dokumentation. Zwölf Minuten in denen ein Mensch mit seiner Geschichte, seiner Angst, seinem Körper und seinen Fragen sitzt — und sie.
Dazu die Bürokratie. Die Formulare, die Abrechnungscodes, die Qualitätsindikatoren, die Berichte. Sie schätzt, dass sie für jeden Patienten dem sie begegnet noch einmal halb so viel Zeit mit Dokumentation verbringt.
Und dann die betriebswirtschaftlichen Vorgaben. Effizienz. Durchsatz. Fallzahlen. Zahlen die messen, was sich nicht messen lässt.
Sie sagt: Ich bin Ärztin geworden, weil ich Menschen helfen wollte. Weil ich glaubte dass Medizin etwas mit Menschlichkeit zu tun hat. Mit Zuhören. Mit Verstehen. Nicht nur mit Diagnostizieren.
Sie schaut aus dem Fenster.
Das fühlt sich gerade sehr weit weg an.
Der innere Widerstand
Was mich an ihrer Geschichte berührt ist nicht die Erschöpfung. Die ist verständlich — nachvollziehbar, fast unvermeidlich in diesem System.
Was mich berührt ist der Widerstand, Ihr Kampf.
Sie kämpft. Innerlich, täglich, gegen das, was das System aus ihr machen will. Sie weigert sich, die zwölf Minuten einfach hinzunehmen. Sie weigert sich, ihre Patienten als Fälle zu behandeln. Sie weigert sich, die humanistische Überzeugung mit der sie Medizin gelernt hat, einfach abzulegen wie einen Kittel am Ende des Tages.
Und dieser Widerstand erschöpft sie fast mehr als die Arbeit selbst.
Ich kenne das. Den Kampf gegen das System der die Energie frisst, die eigentlich für die Menschen da sein sollte.
In der Gestalttherapie würden wir fragen: Was erhältst du durch diesen Widerstand? Und was kostet er dich?
Was Buber in einer Arztpraxis bedeutet
Ich erzähle ihr von Martin Buber. Von Ich-Du und Ich-Es.
Sie unterbricht mich nach einem Satz: Das kenne ich. Das ist genau was passiert. Ich sitze dem Patienten gegenüber und merke — ich sehe ihn nicht mehr wirklich. Ich sehe seinen Befund. Seine Akte. Die Zeit die noch bleibt.
Das ist Ich-Es, sage ich.
Sie nickt. Langsam. Dann: Und ich weiß es. Ich spüre es. Und ich kann es trotzdem nicht aufhalten. Das System ist stärker.
Ich frage: Ist das System wirklich stärker? Oder hat das System deine Aufmerksamkeit vollständig eingenommen?
Sie schaut mich an.
Die Wendung
Es gibt keinen großen Moment. Keine Erleuchtung. Keine Kündigung, kein Neuanfang.
Es gibt einen kleinen Moment — in einer ganz gewöhnlichen Sprechstunde.
Ein älterer Patient. Bekannte Diagnose, Routinekontrolle. Sie hat sechs Minuten. Sie öffnet die Akte, schaut auf den Bildschirm — und dann, fast gegen ihren Willen, schaut sie ihn an.
Wirklich.
Er sieht müde aus. Nicht krank. Müde auf eine Art, die nichts mit seiner Diagnose zu tun hat.
Sie fragt — nicht im Protokoll, nicht geplant: Wie geht es Ihnen wirklich?
Stille. Dann erzählt er. Nicht über seine Beschwerden. Über seine Frau, die seit einem Jahr krank ist. Über die Einsamkeit. Über die Angst.
Sie hat nicht mehr Zeit als sonst. Aber etwas in der Begegnung ist anders.
Nachher, sagt sie mir, habe ich geweint. Im Aufzug. Nicht aus Trauer — aus Erleichterung. Ich hatte kurz wieder gespürt warum ich das tue.
Was sie gelernt hat
Nicht das System zu bekämpfen. Das erschöpft.
Sondern im System präsent zu bleiben. Das ist schwerer — und wirksamer.
Sie hat gelernt, die Momente zu benennen. Wenn sie unter Zeitdruck gerät, wenn sie merkt dass sie abdriftet — sagt sie es manchmal laut. Nicht als Entschuldigung, sondern als Ehrlichkeit: Ich merke, ich bin gerade sehr unter Druck. Geben Sie mir einen Moment.
Das ist kein großes Ding. Aber es verändert den Raum. Der Patient spürt: da ist jemand der wirklich da sein will — auch wenn das System es schwer macht.
Und gegenüber der Leitung hat sie angefangen, Grenzen zu benennen. Nicht laut, nicht kämpferisch. Klar. Das geht nicht. Nicht weil ich nicht will — sondern weil es meinen Patienten schadet.
Das ist ein Satz der etwas kostet. Und der etwas verändert.
Was das mit Gestalt zu tun hat
Gestalt lehrt keine Techniken für den Umgang mit schwierigen Systemen. Es gibt kein Modul über Bürokratieresistenz.
Was Gestalt lehrt — und was diese Ärztin entdeckt hat — ist Gewahrsein. Die Fähigkeit zu merken was gerade wirklich passiert. In einem selbst. Im Gegenüber. Im Raum zwischen beiden.
Und aus diesem Gewahrsein heraus — nicht aus dem Kampf, nicht aus dem Widerstand — entsteht Handlungsfähigkeit. Die Freiheit zu wählen wie man in einem Moment da ist, auch wenn der Kontext das erschwert.
Das lernt man nicht in einem Seminar. Das ist eine Praxis. Eine lebenslange.
Aber man kann damit beginnen.
Die Szene in diesem Text basiert auf einer realen Begegnung. Alle Details, die Rückschlüsse auf die Person ermöglichen könnten, wurden verändert.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch, Ausbilder für Gestalttherapeut*innen und MBSR-Lehrer in Köln.
