Da liegt ein Stock, warte ich räume ihn weg
Über gut gemeinte Fürsorge und was sie bei Kindern hinterlässt
Sie sitzt mir gegenüber und ist ehrlich erschöpft. Nicht von der Arbeit. Von inneren Konflikten, dem Nicht-Verstehen und großer Sorge um Ihre Kinder. Das stellt sich nach einigen Sitzungen heraus, nachdem Sie aussprechen konnte, was sie wirklich bewegt und wir gemeinsam geforscht haben.
Dann:
Ihre Kinder — fünfzehn und siebzehn — sind unsicher. Zweifeln an sich. Trauen sich wenig zu. Sie beobachtet das seit Jahren und versteht es nicht. Denn sie hat alles richtig gemacht. Hat ermutigt, bestärkt, gelobt. Hat ihnen gesagt dass sie wertvoll sind. Hat versucht ihnen vorzuleben dass sie es schaffen können.
Und trotzdem.
Ich frage sie: Was haben Ihre Kinder erlebt — nicht was Sie ihnen gesagt haben, sondern was sie täglich erfahren haben?
Sie überlegt.
Dann: Ich habe ihnen vieles abgenommen. Damit sie es leichter haben. Damit sie nicht so kämpfen müssen wie ich damals.
Ich frage: Und was glauben Sie, welche Botschaft dabei bei den Kindern angekommen ist?
Stille.
Dann, leise: Oh.
Die Botschaft hinter der Botschaft
Es gibt oft, gerade im Erleben von Kindern, einen Unterschied zwischen dem was wir sagen und dem was wir tun. Es kommt etwas an, was wir nicht aussprechen.
Sie wollte immer vermitteln: Du bist wertvoll. Ich liebe dich. Ich nehme dir Schwieriges ab, weil du mir wichtig bist.
Was ankam: Du schaffst das nicht alleine. Ich muss eingreifen. Ohne mich wird es nicht gut.
Das ist keine böse Absicht. Es ist eine der schmerzhaftesten Fallen der Elternschaft — dass Zuwendung, die nicht hinschaut, was das Kind wirklich braucht, zu etwas wird, das schadet ohne es zu wollen.
Was sich im Kind festsetzt ist nicht das gesprochene Lob. Es ist die gelebte Erfahrung. Und die Erfahrung lautete: Ich bist schwach. Man traut mir nichts zu. Ich brauche jemanden der für mich sorgt, der die Dinge für mich regelt.
Diese Überzeugung sitzt tiefer als jedes aufmunternde Wort, das darüber gesprochen wurde. Die Gestalt spricht von Introjekten – es ensteht nicht das Introjekt: Ich bin wertvoll – sondern – ich bin schwach.
Was Harvard dazu sagt
Seit 1938 begleitet die Harvard Study of Adult Development Menschen über ihr gesamtes Leben — eine der längsten Längsschnittstudien die je durchgeführt wurden. Über achtzig Jahre, mehrere Generationen, tausende von Datenpunkten.
Die Frage war: Was macht Menschen am Ende ihres Lebens gesund, glücklich und lebendig?
Die Antwort war nicht Reichtum. Nicht Ruhm. Nicht Leistung oder Intelligenz oder der richtige Karriereweg.
Es waren die Qualität ihrer Beziehungen.
Konkret: Menschen die in echten, verlässlichen, gegenseitigen Beziehungen lebten — die Konflikte aushielten, die um Hilfe bitten konnten und gleichzeitig eigenständig waren — lebten länger, waren gesünder und berichteten von mehr Sinn und Zufriedenheit.
Was in der Kindheit grundgelegt wird, trägt Jahrzehnte.
Was nicht grundgelegt wird, fehlt – möglicherweise ein Leben lang, ohne zu wissen, dass es fehlt und wie sich das im Leben konkret ausdrückt.
Selbstwirksamkeit entsteht nicht aus Lob
Der Psychologe Albert Bandura hat in den 1970er Jahren einen Begriff geprägt der heute zu den wichtigsten Konzepten der Entwicklungspsychologie gehört: Selbstwirksamkeit.
Nicht Selbstwertgefühl. Nicht Selbstvertrauen. Selbstwirksamkeit — das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen zu bewältigen und Dinge wirklich beeinflussen zu können.
Und Bandura war präzise darin woher dieses Vertrauen kommt.
Nicht aus Lob. Nicht aus Bestärkung. Nicht aus dem Satz: Du kannst das.
Es kommt aus Meisterschaftserfahrungen — aus dem Erleben, dass man etwas wirklich selbst geschafft hat. Dass man ein Problem hatte, damit gerungen hat, und es gelöst hat. Dass die eigene Anstrengung etwas bewirkt hat.
Das ist nicht ersetzbar. Kein Lob der Welt erzeugt dasselbe, wie der Moment in dem ein Kind merkt: Ich habe das selbst geschafft.
Und kein Lob der Welt kann diesen Moment ersetzen, wenn er nie stattgefunden hat.
Good enough — und nicht mehr
Der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat einen Begriff geprägt der befreiend klingt und es auch ist: die good enough mother — die ausreichend gute Mutter.
Nicht die perfekte Mutter. Nicht die die immer da ist, immer antwortet, immer schützt, immer löst.
Sondern die ausreichend gute.
Winnicott meinte damit etwas sehr Genaues: Das Kind braucht in frühen Jahren verlässliche Fürsorge. Aber es braucht auch — und das ist entscheidend — die schrittweise Erfahrung, dass die Welt nicht immer sofort auf seine Bedürfnisse reagiert. Dass Frustration aushaltbar ist. Dass man warten kann. Dass man selbst etwas tun kann.
Die perfekte Mutter (das gilt selbstverständlich auch für Väter) — die, die jeden Schmerz verhindert, jeden Stolperstein wegräumt, jede Enttäuschung abfedert — beraubt das Kind genau dieser Erfahrung.
Nicht weil sie böse ist. Sondern weil sie zu gut ist.
Good enough ist nicht weniger als perfekt. Es ist mehr — weil es dem Kind lässt, was es braucht: die Reibung der Welt. In einem sicheren Rahmen.
Was die Mutter entdeckt hat
In einer späteren Sitzung erzählt sie von einem Abend.
Ihr jüngeres Kind sollte ein Referat vorbereiten. Es kam zu ihr — hilflos, überfordert, es wollte, dass sie es mit ihm macht.
Sie hat diesmal Nein gesagt. Nicht kalt. Nicht abweisend. Aber klar: Das schaffst du. Ich bin hier wenn du fertig bist.
Das Kind hat gezögert. Hat angefangen. Hat gekämpft. Hat es fertig gemacht.
Und am nächsten Abend — fast beiläufig — gesagt: Weißt du, ich glaube das war gar nicht so schwer.
Sie sagt: Ich habe geweint. Nicht vor ihm. Aber danach. Weil ich verstanden habe, was ich ihm all die Jahre vorenthalten habe. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Liebe.
Was Kinder wirklich brauchen
Kinder brauchen nicht das Ausbleiben von Frustration.
Sie brauchen die Erfahrung, dass sie Frustration überstehen.
Das ist der Unterschied zwischen: Ich nehme dir das ab — und: Ich bin da während du es versuchst.
Die Aufgabe der Eltern ist nicht, den Weg frei zu räumen. Es ist, neben dem Kind zu stehen während es den Weg geht.
Und manchmal — und das ist das Schwerste — einfach zuzuschauen. Auch wenn man eingreifen könnte. Auch wenn es schneller ginge. Auch wenn es wehtut, zuzusehen wie jemand den man liebt kämpft.
Weil dieser Kampf der wichtigste Moment sein könnte.
Was bleibt
Die Harvard-Studie sagt: Was am Ende eines Lebens zählt, sind echte Beziehungen.
Echte Beziehungen entstehen zwischen Menschen die sich wirklich begegnen — nicht zwischen jemandem der gibt und jemandem der nimmt. Zwischen zwei Menschen die beide etwas tragen, beide etwas können, beide gebraucht werden.
Das beginnt früh.
Das Kind das lernt, dass es Frustration aushält — das wird ein Mensch der Beziehungen aushält. Das Kind das lernt, dass es Schwieriges bewältigt — wird ein Mensch der anderen begegnen kann ohne sie zu brauchen, um sich selbst zu spüren.
Bandura würde sagen: Gib dem Kind Meisterschaftserfahrungen.
Winnicott würde sagen: Sei gut genug — nicht perfekt.
Und vielleicht ist das auch eine Einladung an uns selbst. Nicht nur als Eltern. Als Menschen.
Manchmal ist das Mutigste was man tun kann, einen Schritt zurückzutreten.
Und zuzuschauen wie jemand es selbst schafft.
Die Szene in diesem Text basiert auf einer realen Begegnung. Alle Details, die Rückschlüsse auf die Person ermöglichen könnten, wurden verändert.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Ausbilder für Gestalttherapeut*innen und MBSR-Lehrer in Köln.
