Ich hätte auch Astronaut werden können

Über verpasste Möglichkeiten, Geisterbiografien und das Leben, das du wirklich führst


Es beginnt oft harmlos.

Du scrollst durch LinkedIn. Ein ehemaliger Schulkamerad ist jetzt Professor in Kanada. Eine andere macht Yoga am Strand von Bali — beruflich. Und du? Du hast heute einen Einkaufszettel geschrieben und die Spülmaschine ausgeräumt.

Herzlichen Glückwunsch. Du bist angekommen — im Club derer, die vielleicht gerade bemerken dass man nicht mehr alles werden kann. Und dass das vielleicht schon länger so war.


Die Entscheidungsmaschine

Das Leben ist eine Entscheidungsmaschine. Für jedes Ja ein Nein. Für jedes Bleiben ein Nicht-Gehen.

Sartre hat das auf seine Art formuliert: Wir machen uns immer schuldig. Nicht moralisch — existenziell. Weil wir nie passive Empfänger unseres Lebens sind, sondern immer verantwortlich. Auch für das was wir nicht getan haben.

Ich erlebe in meiner Arbeit häufig wie Menschen diese existenzielle Schuld als moralische gegen sich wenden. Dann kommen Sätze wie: Ich habe es versaut. Ich hätte es anders machen müssen.

Wenn man dann genauer nachfragt — warum eine bestimmte Entscheidung getroffen wurde und keine andere — zeigt sich ausnahmslos: Etwas anderes war stärker. Größtenteils unbewusst. Immer aus guten Gründen.

Der innere Kritiker der hinterher daherkommt und verurteilt, ist nicht besonders schlau. Er weiß nicht mehr, was damals auf dem Spiel stand. Er erinnert sich nicht an die Angst, die Erschöpfung oder das was man schützen wollte.

Das zu verstehen ist meistens die erste entlastende Erkenntnis.


Die Geisterbiografien

Jede Entscheidung die wir treffen gebiert nicht nur ein Leben — sie begräbt zig andere.

Und irgendwann fangen diese Geisterbiografien an sich zu melden.

Was wäre, wenn du Musiker geworden wärst? Wenn du in Italien geblieben wärst? Wenn du ihn oder sie nicht verlassen hättest?

Sie stehen auf dem imaginären Bahnsteig deines Lebens. Winken traurig. Sehen überraschend attraktiv aus.

Das Gehirn liebt diese Konjunktive. Es macht uns unglücklich — nicht weil diese Leben real wären, sondern weil wir sie für realistischer halten als sie es waren.

Die Astronautenversion von dir hätte andere Probleme gehabt. Andere Einsamkeiten. Andere Nächte in denen sie sich fragte ob sie das Richtige tut.

Das vergessen wir gerne.


Bedauern, Bereuen, Betrauern

Es gibt einen Unterschied zwischen diesen drei Bewegungen — und es lohnt sich ihn zu kennen.

Bedauern ist ein zartes Innehalten. Es würdigt was nicht gut lief — ohne Schuldzuweisung.

Bereuen trägt Verantwortung: Heute würde ich anders handeln. Das ist keine Selbstbestrafung. Das ist Reifung.

Betrauern ist die tiefste Form. Wir geben dem Raum was unwiderruflich vorbei ist. Ungelebte Möglichkeiten. Alte Träume. Menschen die gegangen sind.

Alle drei haben ihren Platz. Keiner davon ist falsch.

Was falsch ist — oder zumindest teuer — ist das Hadern ohne Würdigung. Das Kreisen ohne Ankommen. Das Verurteilen ohne Verstehen.

Wenn diese Regungen einen achtsamen Ort bekommen, verwandeln sie sich. Hadern wird zur Durchgangsstation — zwischen Erkenntnis und Weitergehen.


Was wirklich bleibt

Es gibt nur einen Ort an dem du wirklich atmen kannst.

Nicht auf der Bühne der Philharmonie wenn du kein Cellist geworden bist. Nicht am Strand von Bali wenn du dort nicht lebst.

Sondern hier. Mit dem Leben das du tatsächlich führst.

Mit deinen Entscheidungen. Deinen Verletzungen. Deinen Versäumnissen. Und dem Mut den nächsten Schritt zu gehen.

Du bist nicht der einzige Mensch mit einem Koffer voller verpasster Chancen. Aber du bist der einzige Mensch der dein Leben wirklich leben kann.

Jetzt. Nicht in der Astronautenversion.

Und vielleicht — wer weiß — ist genau das schon seit längerem genug.


Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch und Ausbilder für Gestalttherapeut*innen in Köln.

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