Warum meine Selbstzweifel gerade (noch) wichtig sind
Über Selbstwirksamkeit, innere Schutzfunktionen und Feststecken in Übergängen
Sie sitzt mir gegenüber — entspannt oder deprimiert – von außen nicht zu erkennen. Gute Abfindung dann Sabbatical, über ein Jahr Zeit für sich. Kein Druck von außen.
Und Sie steckt fest, irgendwie.
Sie sagt: Ich müsste eigentlich längst wieder anfangen. Mich umsehen. Mich bewerben. Mich motivieren. Meinen Arsch hochkriegen.
Ich frage, was findet in dir in dieser Situation statt?
Ich zweifle gerade so stark an mir. Ich bin genervt von mir selbst. Früher hatte ich das nicht so.
Sie schaut aus dem Fenster. Dann: Ich glaube, ich werde eh versagen. An meinen eigenen Ansprüchen. Ich kann doch sowieso nichts bewegen. Außerdem ist das in vielen Unternehmen nur noch ein Verwalten, Abwickeln, Aushalten. Das höre ich überall.
Ich höre zu. Und frage mich: Wie fühlt sich dieser innere Konflikt zwischen Forderungen Zweifel wohl an. Woher kommen diese Zweifel wirklich und wozu sind sie gut?
Die Frau, die mir gegenübersitzt, wirkt nicht wie jemand, der nie etwas bewegt hat. Sie wirkt wie jemand, der sich sehr lange sehr gut beherrscht hat.
Der Preis eines inneren Konfliktes
Im Laufe der Zeit wird sichtbar, was vorher keinen Raum hatte.
Fünfzehn Jahre im alten Betrieb – die letzten drei waren eine Qual. Eine gut bezahlte Stelle – angenehme Arbeitszeiten, selbst gestaltbare Freizeit, kaum Druck von außen. Und — das ist das Entscheidende — kein echtes Gestalten war möglich. Keine Selbstwirksamkeit war erlebbar. Sie hat funktioniert. Gut sogar.
Sie hat sich beruhigt: Es ist gut bezahlt. Es ist nur Teilzeit. Das reicht doch.
Und Sie hat geschwiegen. Nicht, weil Sie nichts zu sagen hatte — sondern weil zu viel auf dem Spiel stand. Die Bezahlung, die Freizeit, die Sicherheit einen Job zu haben, die Angst, dass Sie vielleicht nichts neues findet, wenn der sich mit dem Management „anlegt“ und mehr Klarheit und Selbstwirksamkeit einfordert.
Sie hat scheinbar die Aggression — die berechtigt gewesen wäre und die nach außen gehört hätte — nach innen gerichtet. Gegen sich selbst und damit wichtige Bedürfnisse wie Sicherheit, Freizeit, Freiheit geschützt.
Das ist kein Versagen. Das ist eine sehr menschliche, sehr verständliche Entscheidung.
Und sie hat einen Preis.
Situation betrauern, Zweifel integrieren
Irgendwann denke ich: Wenn die Zweifel ein hohes Gut verwirklichen würden, was wäre dann? Ich frage ich Sie: Wofür sind diese Zweifel eigentlich wichtig für Sie?
Sie schaut mich überrascht an.
Ich erkläre: Nicht, was sie anrichten. Sondern was sie vielleicht schützen.
Stille. Zuerst: Für was soll das gut sein? Das nervt einfach nur.
Nach einiger Zeit, langsam: Sie schützen mich davor, mich erneut in eine solche Situation zu begeben. Davor, wieder zu schweigen, wo ich eigentlich hätte sprechen müssen.
Genau.
Und noch etwas, sage ich. Die Zweifel haben in den letzten drei Jahren vielleicht auch etwas anderes geschützt — die Bezahlung, die Teilzeit, die Sicherheit. Die Aggression, die nach außen gehört hätte, ist nach innen gegangen. Auf sie selbst.
Sie sitzt lange still.
Dann: Das klingt — ich höre das, und es stimmt. Ich war wütend. Aber ich konnte es mir nicht leisten, das zu zeigen.
Ihr kommen die Tränen.
Selbstakzeptanz statt innerer Konflikt
In der Gestalttherapie gibt es den Begriff der Retroflektion — wenn etwas, das eigentlich nach außen gerichtet sein sollte, nach innen gewendet wird. Nicht aus Schwäche. Sondern aus Notwendigkeit. Aus dem Versuch, andere wichtige Bedürfnisse zu schützen.
Die Zweifel waren keine Lüge. Sie haben etwas Wahres beschützt. Aber sie sind auch nicht die Wahrheit über sie. Das ist der Unterschied, der alles verändert.
Nicht: Ich muss meine Zweifel besiegen und mich besser motivieren.
Sondern: Ich kann verstehen, wozu sie da waren und noch sind. Und fragen, ob ich sie noch brauche — oder ob es jetzt andere Wege gibt, mich zu schützen. Bewusstere. Solche, die mir nicht die Energie nehmen.
Wieder lebendig werden
In einer späteren Sitzung sagt sie, dass sie sich zum ersten Mal seit Monaten wieder beworben hat. Sie fühlt sich lebendiger.
Nicht, weil die Zweifel weg sind. Sondern, weil sie ihnen nicht mehr glaubt und sie nicht mehr das letzte Wort haben. Sie haben ihr lange etwas gegeben — Schutz, Orientierung, einen Grund stillzustehen. Jetzt kann sie sich fragen, was sie wirklich braucht. Das ist ein großer Unterschied.
Die Szene in diesem Text basiert auf einer realen Begegnung. Alle Details, die Rückschlüsse auf die Person ermöglichen könnten, wurden verändert.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Ausbilder für Gestalttherapeut*innen, Zen Mönch und MBSR-Lehrer in Köln.
