Der unnahbare Vater und der Wunsch einer Tochter
Über väterliche Fürsorge, Schuldgefühle und echte Nähe
Er sitzt mir gegenüber und sagt, er sei verzweifelt und erschöpft.
Er tue doch alles. Er koche, sorge sich, räume auf, sei erreichbar, stelle anderes hintenan.
Seit ein paar Monaten wohne seine Tochter wieder bei ihm. Es war selbstverständlich, dass er Ja sage. Aber es gäbe immer wieder heftige Streitereien. Sie werfe ihm vor, er sei unnahbar — und er ihr, dass sie seine Grenzen nicht sehe, keine Rücksicht nehme und undankbar sei.
Ich sehe sein Ringen mit all dem. Ich werde traurig und körperlich schwer beim Zuhören.
Ich frage mich: Wie gut sind die beiden wirklich im Kontakt? Weiss er schon, was sie wirklich von ihm braucht, oder ist er vielleicht in seit langem gewohnten Rolle: Des Gebens, des Versorgens, vielleicht auch einer des Ausgleichens? Und Sie: Sind Ihre Vorwürfe der Versuch, endlich wirklich zu Ihm durchzudringen – das zu zerstören, was beide trennt?
Ich frage ihn: Wann hast Du sie zuletzt gefragt, was sie wirklich von Dir braucht?
Stille.
Er, leise: Ich glaube — ich frage nicht. Ich gebe einfach.
Noch eine Pause. Und dann etwas, das ihn selbst überrascht: Weil ich Angst habe, was passiert, wenn ich frage und es nicht geben kann. Ich habe ihr so viel zugemutet damals, im Rahmen der Scheidung.
Aufrichtigkeit erzeugt Veränderung
Mich berühren diese Momente. Momente, in denen jemand etwas ausspricht, das schon lange da war — und es zum ersten Mal wirklich hört. Und jemand, der es bezeugt.
Es ist kein großer Durchbruch, nur ein kleines Innehalten. Und doch: Solche Momente der Aufrichtigkeit verändern manchmal alles.
Ich denke, das ist, was Martin Buber „Ich-Es-Begegnung“ nennt. Mein Gegenüber wird zum Objekt — ein Es, eine Fläche, auf die ich projiziere, was er brauchen könnte oder was ich selbst gerade brauche. Das Merkwürdige ist: Ich-Es kann sich von innen genauso anfühlen wie Ich-Du.
Wer aus schlechtem Gewissen gibt, fragt selten wirklich: Was brauchst du? Er gibt einfach. Weil das Geben entlastet. Weil es das Grundrauschen — ich habe damals etwas falsch gemacht, ich muss das wiedergutmachen — für einen Moment leiser macht.
Das ist kein Versagen. Es ist menschlich. Und es ist kein Kontakt im Zwischen. Hier könnte das verborgen liegen, was die Tochter mit ihren Vorwürfen zum Ausdruck bringen will. Ihre Sehnsucht nach echtem Kontakt. Buber beschreibt das so: Wenn ich dir wirklich begegne — nicht als Funktion, nicht als Spiegel meiner Bedürfnisse, sondern als Du — dann entsteht etwas das vorher nicht existierte. Ein Raum. Eine Qualität. Eine Wirklichkeit die größer ist als wir beide einzeln.
Erich Fromm hat in „Die Kunst des Liebens“ einen Unterschied beschrieben, der mich immer wieder beschäftigt. Reife Liebe gibt — weil sie gibt. Symbiotische Liebe braucht den anderen. Seine Bedürftigkeit. Seine Dankbarkeit. Den stillen Beweis, dass man trotz allem gut ist. Ich lese das nicht als Anklage.
Ich lese Bubers und Fromms Gedanken als Einladung zum Forschen. Daraus entstehen Fragen:
Wer braucht hier eigentlich wen?
Wen versorge ich hier eigentlich?
Was tue ich hier eigentlich?
Welches Gute verwirkliche ich durch das, was ich tue, für mich?
Was hält mich davon ab, ins Zwischen wirklich einzutreten?
Was mich an diesen Fragen fasziniert, ist, dass sie nicht gegen jemanden gerichtet sind. Wenn mein Gegenüber immer wieder im Kontakt erlebt, dass es mir nicht um Richtig und Falsch, um Rechtfertigung oder Geschichten geht, werden sie zur Einladung zur Selbstwahrnehmung. Zu dem, was die Gestalttherapie Gewahrsein nennt. Wenn in Momenten des Gebens ein Innehalten entsteht, ein Gewahrsein für das, was einen gerade wirklich „antreibt“.
Manchmal lautet die ehrliche Antwort: Ich gebe, weil ich ihn liebe. Manchmal: Ich gebe, weil ich mich sonst schlecht fühle. Beides ist wahr. Beides darf sein und es hat eine unterschiedliche Wirkung im Zwischen und in mir.
Der Unterschied liegt nicht in Moral — sondern darin, ob man es sich erlaubt zu wissen und ob aus diesem Wissen anderer Kontakt zwischen Ich und Du entstehen kann.
Der Vater aus dem Beginn dieses Textes berichtet in einer späteren Sitzung, er habe seine Tochter zum ersten Mal gefragt, was sie sich von der gemeinsamen Zeit wirklich wünscht.
Er war überrascht. Die Antwort war nicht das, was er erwartet hatte.
Sie wollte echtes Interesse daran, wie es ihr geht. Sie wollte mit ihrem Schmerz gesehen werden, den sie schon lange in sich trägt. Endlich darüber sprechen, wie es für Ihn damals war. Nicht mehr Fürsorge. Sie wollte mehr echten Kontakt.
So veränderte sich der Prozess zwischen ihnen. Nicht schnell. Nicht einfach. Aber echter. Zum ersten Mal begegneten sie sich nicht als Vater, der gibt, und Tochter, die nimmt — sondern als zwei Menschen, die beide etwas tragen und einander vielleicht aus Anklage und Täterschaft und entlassen können. Und die das — vorsichtig — miteinander teilen konnten.
Das ist es, was Buber Ich-Du nennt. Nicht Harmonie. Nicht Einigkeit. Sondern echte Begegnung — zwischen zwei Menschen, die wirklich da sind.
Die Szene in diesem Text basiert auf einer realen Begegnung und wurde aus Gründen der Lesbarkeit modifiziert. Alle Details, die Rückschlüsse auf die Person ermöglichen könnten, wurden verändert.
Alexander Kopp ist dialogischer Gestalttherapeut, Ausbilder für Gestalttherapeut*innen, Zen Mönch und MBSR-Lehrer in Köln.
