Was die „Jungen“ mir schulden
Über Kränkung, Leistung und die leisen Fragen hinter zwanzig Jahren Arbeit
Er betritt den Raum mit der Energie eines Menschen, der schon lange zu viel trägt. Seine Worte kommen schnell. Aufgeladen.
Er spricht von den Jungen. Davon, dass sie später kommen, früher gehen. Dass sie nach Homeoffice fragen, nach Sinn, nach Balance. Und dass sie dabei fast so viel verdienen wie er – nach zwanzig Jahren im Beruf.
„Ich habe damals sechs Tage die Woche gearbeitet“, sagt er. „Niemand hat gefragt, ob mir das passt.“
Ein kurzer Atemzug.
„Und heute? Mein Chef deckt mich nicht einmal, wenn ich Erwartungen gegenüber jüngeren Mitarbeitern durchsetzen will. Aus Angst, keine Leute zu finden.“
Er lehnt sich zurück.
Und wartet.
Vielleicht auf Zustimmung.
Ich nicke.
Nicht zustimmend. Sondern aufmerksam.
„Wie geht es Dir wenn du das so siehst?“
Eine Pause.
Dann sagt er: „Es macht mich wütend.“
Und leiser:
„Und irgendwie auch… ängstlich. Und traurig.“
Hinter der Wut
Das ist oft der Moment, in dem sich etwas verändert. Wut ist laut. Klar. Greifbar. Doch darunter liegt oft etwas anderes. Etwas Weicheres. Verletzlicheres. Etwas, das wir lernen, besser nicht zu fühlen oder gar auszusprechen – hier ist es: Traurigkeit und Angst.
Ich höre ihm zu und stelle mir vor: Er hat zwanzig, vielleicht dreißig Jahre nach Regeln gelebt, die heute scheinbar nicht mehr gelten. Er hat investiert. Zeit. Energie. Vielleicht auch Beziehungen. In der Annahme, dass sich all das irgendwann auszahlt. Und jetzt begegnet er Menschen, die diese Regeln nicht mehr teilen. Die anders arbeiten und ins Leben gestellt sind. Anders priorisieren. Und die dafür – zumindest auf den ersten Blick – keinen Preis zahlen. Das kann irritieren. Und es kann kränken.
Die offene Rechnung im Inneren
Gestalttherapie verwendet den Begriff von unerledigten Situationen. Erfahrungen, die äußerlich abgeschlossen wirken – aber innerlich noch offen sind. Wie ein Satz, der nie zu Ende gesprochen wurde. Oder eine Frage, die nie gestellt werden durfte. Vielleicht ist es hier diese:
War es das wert?
Nicht als Anklage. Sondern als ehrliche, leise Frage. Eine Frage, die lange keinen Raum hatte. Denn die Antwort könnte unbequem sein. Und so richtet sich die Energie nach außen: auf die Jungen, auf den Chef, auf das System.
Begegnung oder Spiegel
Wenn wir anderen begegnen, begegnen wir nicht nur ihnen. Oft begegnen wir auch uns selbst. Dem, was wir uns erlaubt haben. Und auch dem, was vielleicht (noch) nicht.
Vielleicht sind die Jungen in diesem Moment nicht nur Gegenüber, sondern vor allem Spiegel. Sie zeigen Möglichkeiten: Ein anderes Verhältnis zu Arbeit. Zu Zeit. Zu sich selbst.
Und genau darin liegt die Spannung. Nicht, weil sie „richtig“ oder „falsch“ sind. Sondern weil sie etwas berühren.
Eine vorsichtige Frage
Ich frage ihn irgendwann:
„Wer wärst du gewesen, wenn du damals gefragt hättest – was brauche ich wirklich?“
Er schaut mich lange an.
Dann sagt er:
„Vielleicht glücklicher und zufriedener und ich hätte keine Scheidung erlebt“
Zwischen Haben und Sein
Es gibt eine Weise zu leben, die sammelt. Erfolge, Anerkennung, geleistete Jahre. Und eine, die fragt: Wer bin ich — jetzt, in diesem Moment?
Beides hat seinen Platz. Doch manchmal wird das, was lange getragen hat, schwer. Nicht weil es falsch war. Sondern weil es Zeit ist, es loszulassen oder zu transformieren.
Eine neue Art von Gespräch
In einer späteren Sitzung erzählt er von einem Gespräch.
Mit einem jungen Mitarbeiter. Nicht, um Erwartungen durchzusetzen.
Sondern um zu verstehen: Wie der andere arbeitet. Was ihm wichtig ist. Was er braucht.
Und um sich zu zeigen, mit seiner Angst und Traurigkeit.
Er sagt: „Es war seltsam. Ich habe mehr verstanden als in den letzten zwei Jahren – und ich habe mich mehr verstanden gefühlt.“
Und dann, fast beiläufig:
„Ich glaube, ich habe die ganze Zeit mit ihnen gesprochen, aber nicht wirklich mit ihnen geredet. Wir nähern uns gerade an und ich habe den Eindruck, ich bekomme mehr Unterstützung und Verbindlichkeit.“
Was die Jungen nicht schulden
Die Jungen schulden ihm nichts. Nicht seine verlorenen Wochenenden. Nicht seine investierte Zeit. Nicht die Bestätigung, dass sein Weg der einzig richtige war. Aber sie halten ihm etwas hin — ob sie es wollen oder nicht. Eine Frage. Die er sich selbst noch nicht gestellt hat.
Manchmal reicht das.
Die Szene in diesem Text basiert auf einer realen Begegnung und wurde aus Gründen der Lesbarkeit modifiziert und verändert. Alle Details, die Rückschlüsse auf die Person ermöglichen könnten, wurden verändert.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch, Ausbilder für Gestalttherapeut*innen und MBSR-Lehrer in Köln.
