Die Stimmung im Land ist schlecht
Über eine Erzählung, die sich ihre Belege selbst besorgt
Ich stehe mittendrin. Eine Schlange an der Kasse eines großen Elektronikmarkts. Ich hatte die neue Waschmaschine online bestellt, erwartet, dass ich nur schnell zahle und abhole.
Draußen an der Warenausgabe wartet bereits mein Nachbar, der so nett war, mit seinem Lieferwagen auf dem Heimweg noch schnell vorbeizukommen und mich und die Maschine mitzunehmen. Vorne stockt etwas. Ein Vorgang lässt sich nicht abschließen, dann ein zweiter. Jemand vom Personal telefoniert, legt auf, geht weg, tippt irgendwo weiter hinten in den Rechner, telefoniert wieder.
Ich bin hier, um eine Waschmaschine abzuholen. Danach habe ich einen Termin, der nicht warten will, und ich merke, wie mein Atem nach oben rutscht. Aus dem Bauch in die Brust, dorthin, wo er flach wird.
Ich schaue mich um.
Kopfschütteln. Erst bei einem, dann beim nächsten, dann zwei Plätze weiter. Ernste, genervte Gesichter. Es wandert die Reihe entlang wie eine La-Ola-Welle, nur ohne Begeisterung.
Niemand sagt etwas. Aber der Raum hat scheinbar eine Meinung. Typisch. Nichts funktioniert mehr. Oder ist das meine?
Und ich bin Teil dieser Meinung, ohne gefragt worden zu sein. Mein Kiefer ist fester als vor zehn Minuten. Ich schüttle nicht den Kopf. Innerlich schon.
Was ist eigentlich das Problem?
Dann kommt ein Gedanke, den ich nicht gerufen habe.
Wo ist eigentlich das Problem?
Ich bin mit dem Auto hierhergefahren, um eine Waschmaschine abzuholen, die ich mir leisten kann. Ich hatte die Wahl zwischen vielen Modellen, zwischen Fassungsvermögen, Energieklassen und mehreren Abstufungen von Weiß. In ein paar Tagen wird sie Wäsche waschen, um die ich mich nicht weiter kümmern muss.
Und ich stehe hier und ärgere mich gerade über eine Wartezeit und sammle Belege dafür, dass nichts mehr in diesem Land funktioniert und schlechte Stimmung herrscht?
Was ist das eigentlich für ein Luxus?
Die Kasse stockt weiter. Das Kopfschütteln auch. An der Situation hat sich nichts verändert. Nur das, was in ihr für mich im Vordergrund steht.
Meine Stimmung wechselt zu einem inneren Erkennen, amüsiert über mich selbst, wechsle ich in eine freundliche, fast schon aktivistische Energie.
An der Ausgabe
Mit dieser Energie betrete ich die Warenausgabe. Dort steht ein Mensch, der die Abholscheine entgegennimmt, als wögen sie mehr, als sie aussehen. Das Gesicht ernst. Die Schultern ein Stück zu hoch, als hätte er sie dort am Morgen abgestellt und vergessen, sie wieder herunterzunehmen.
Und dann höre ich mich sagen:
Ich bin hier, um eine Waschmaschine abzuholen. Und um Menschen für meine neue Bewegung zu gewinnen. Wir leben in einem Land, in dem die Stimmung angeblich schlecht ist, und ich suche Leute, die mit mir gemeinsam daran arbeiten, sie besser zu machen. Machen Sie mit?
Ich meine das ernst. Keine Ironie, kein Augenzwinkern. Ich weiß selbst nicht genau, wo der Satz herkam. Er war draußen, bevor ich ihn hätte prüfen können.
Er schaut mich an. Kurz, abwägend, so wie man jemanden ansieht, bei dem man die Pointe noch sucht. Es gibt keine.
Ja, sagt er. Aber bei uns im Team ist die Stimmung so schlecht. Wenn ich da wieder reingehe, zieht mich das gleich wieder runter.
Der Satz ist so ehrlich, dass er eigentlich keine Antwort braucht. Ich gebe trotzdem eine, und dabei rutscht mir das Du heraus.
Dann lass uns Schmetterlinge sein. Die mit ihrem Flügelschlag am anderen Ende der Welt einen Sturm auslösen.
Er lacht. Nicht viel. Aber die Schultern stehen danach einen Fingerbreit tiefer.
Meteorologisch ist das Bild umstritten. Für eine Warenausgabe hat es gereicht.
Was ich hinterher bemerke
Erst später wird mir klar, dass ich innerhalb weniger Minuten in zwei verschiedenen Wirklichkeiten gestanden habe. Dieselbe Kasse, dieselbe Schlange, dieselbe Verzögerung. Einmal als Beleg dafür, dass nichts mehr funktioniert. Einmal als Beleg für einen Wohlstand der so gewohnt ist, dass ich ihn ich kaum noch bemerke.
Ich habe mich für keine der beiden Wirklichkeiten bewusst entschieden. Beide sind gekommen.
Die Gestaltpsychologie, der die Gestalttherapie einen Teil ihres Namens verdankt, beschreibt Wahrnehmung als fortwährende Unterscheidung von Figur und Grund. Was mich gerade angeht, tritt hervor. Alles andere wird Hintergrund — nicht verschwunden, nur still. Wir sehen nie alles. Wir sehen, worauf sich unsere Aufmerksamkeit gerade richtet, welche Bedeutung wir dem geben und halten es für die Welt.
In der Schlange war die Figur die Stockung. Das Kopfschütteln, das Telefon, die Zeit, die ich nicht hatte. Der Grund war alles, was diese Szene überhaupt erst möglich macht. Mein Gedanke: Ah siehst Du stimmt doch: Nichts funktioniert mehr in diesem Land. Der Gedanke an den Luxus hat nichts Neues hinzugefügt – es war viel mehr. Er hat nicht die Figur und aber den Grund verändert und damit die gesamte innere Wirklichkeit samt Stimmung und der nächsten Interaktion.
Das klingt unscheinbar. Für diesen Nachmittag war es der ganze Unterschied.
Wie eine Erzählung sich ihre Belege besorgt
Die Stimmung im Land ist schlecht. Den Satz höre ich seit Monaten — in Nachrichten, in Gesprächen, in Gruppen, manchmal aus meinem eigenen Mund. Meist wird er gesagt wie eine Wetterlage. Nüchtern, festgestellt, nicht weiter verhandelbar.
Vielleicht stimmt er. Es gibt reale Sorgen, reale Konflikte, reale Ungerechtigkeiten, und nichts davon ist eingebildet.
Aber der Satz ist mehr als eine Beschreibung. Er ist auch ein Auftrag an die Aufmerksamkeit: Such Belege. Und Aufmerksamkeit ist gehorsam. Sie findet die gereizte Kassiererin, den Ton im Straßenverkehr, den Kommentar unter dem Artikel. Die freundliche Begegnung ein paar Minuten vorher findet sie nicht. Nach der hatte niemand innerlich gefragt.
Der Soziologe Robert K. Merton hat Ende der Vierzigerjahre beschrieben, was dann geschehen kann. Sinngemäß: Eine Situation wird falsch eingeschätzt, und diese Einschätzung ruft ein Verhalten hervor, das sie nachträglich wahr macht. Er nannte das die sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Im Kleinen sieht das ungefähr so aus. Wer an der Kasse damit rechnet, dass hier nichts funktioniert, seufzt ein wenig hörbarer. Die Person am Telefon spürt das, auch ohne hinzusehen. Sie wird knapper. Und dann ist sie da, die Unfreundlichkeit, mit der man gerechnet hat.
Die Geschichte wurde nicht einfach beobachtet. Sie wurde im Kontakt mit hergestellt. Durch eigenes Zutun im Zwischen, in der Begegnung.
Was er an der Ausgabe schon weiß
Der Mensch an der Warenausgabe hat das in einem einzigen Satz beschrieben, genauer, als es die meisten Lehrbücher tun. Wenn ich da wieder reingehe, zieht mich das runter.
In der Gestalt würden wir von Konfluenz sprechen. Die Grenze zwischen mir und meinem Umfeld wird so durchlässig, dass ich nicht mehr unterscheiden kann, was meine Stimmung ist und was die des Raums. Ich gehe hinein und bin nach zehn Minuten das Team.
Das ist keine Schwäche. Mitschwingen ist eine alte soziale Klugheit. Wer in einer gereizten Gruppe als Einziger gelassen bleibt, wirkt schnell, als hätte er den Ernst der Lage nicht verstanden — oder als hielte er sich für etwas Besseres. Konfluenz sichert Zugehörigkeit. Sie kostet nur das Eigene.
Und ich sollte nicht so tun, als hätte ich daneben gestanden. In der Schlange war ich ein Kopfschütteln von vielen. Nur eben ein inneres.
Die Gegenstimme
Es wäre jetzt leicht, aus dieser Geschichte eine Moral zu machen. Sei dankbar, schau auf das, was du hast, dann wird die Stimmung schon.
Ich traue diesem Schluss nicht. Auch meinem eigenen nicht.
Denn der Gedanke an den Luxus hat einen Tonfall, den ich kenne. Andere haben es schwerer. Stell dich nicht so an. Ich kenne ihn von innen, und er hat mir einiges ermöglicht: nicht im Klagen stecken zu bleiben, zu sehen, was trotzdem geht. Er hat mich aber auch oft schneller aus einem Ärger herausgeholt, als ich ihn überhaupt fühlen konnte. Wer sich Dankbarkeit verordnet, hat am Ende nur einen geschluckten Satz gegen einen anderen getauscht.
Und eine Bewegung für gute Stimmung wäre, wenn ich ehrlich bin, nichts weiter als eine neue Erzählung, die sich ihre Belege sucht. Diesmal die hilfsbereite Nachbarin statt der unfreundlichen Kassiererin. Ein freundlicherer Filter. Aber ein Filter.
Was an der Ausgabe geschehen ist, war vielleicht etwas anderes. Keine bessere Geschichte. Eher ein Moment, in dem ich kurz aus der Geschichte herausgefallen bin — und vor mir einen Menschen gesehen habe statt eines weiteren Belegs.
In der Achtsamkeitspraxis gibt es dafür eine schlichte Form. Man benennt, was da ist. Da ist Enge in der Brust. Da ist die Erwartung, dass es noch länger dauert. Da ist eine Geschichte, dass alles schlechter wird. Man muss ihr nicht widersprechen. Man muss ihr auch nicht folgen.
Das Absichtslose daran ist nicht, dass man nichts will. Es ist, dass man aus dem, was man bemerkt, nicht sofort etwas machen muss — nicht einmal gute Stimmung.
Was bleibt
Ich weiß nicht, wie sein Tag weitergegangen ist. Vielleicht hat es ihn runtergezogen, so wie er es vorhergesagt hat. Vielleicht war er ein paar Minuten länger bei sich, bevor das Team ihn wiederhatte. Mehr verspricht der Schmetterling nicht.
Ich weiß auch nicht, ob ich beim nächsten Mal in der Schlange wieder innerlich den Kopf schüttle. Wahrscheinlich schon. Der Unterschied liegt vielleicht nur darin, ob ich es bemerke.
Vielleicht ist die Stimmung im Land tatsächlich schlecht. Vielleicht ist sie zu einem Teil auch das, was entsteht, wenn genügend Menschen gleichzeitig in dieselbe Richtung schauen und das für die ganze Aussicht halten.
Und vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, ob der Satz stimmt. Sondern woran du heute selbst mitgebaut hast — und ob du es gemerkt hättest, wenn dich niemand danach gefragt hätte.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln, Zen-Praktizierender und MBSR-Lehrer.
Der nächste Starttermin für eine 3-jährige Ausbildung ist der 23.10.2027 – am Freitag, den 9.10.2026 – 18.30-21.00 Uhr und Freitag, 12.02.2027 – 18.30-21.00 Uhr gibt es kostenlose Informationsveranstaltungen. -> Details zur nächsten Ausbildung in dialogischer Gestalttherapie und Gestaltberatung
