Der Vagus-Reset-Mythos
Warum einfache Versprechen das Leid manchmal vergrößern
(Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.)
Er sitzt mir gegenüber, Ende vierzig, geschieden, beruflich in einer Position, in der man nicht mehr fragt, ob etwas zu viel ist, sondern nur noch, wann es erledigt sein muss.
Er zählt auf, was er schon versucht hat. Nicht klagend. Gründlich, fast stolz, so wie man eine Liste vorträgt, an der man lange gearbeitet hat.
Atemtechniken. Die Vier-Sieben-Acht-Methode, morgens. Wim Hof, kalt. Er hat meditiert, mit App und ohne. Magnesium, dann Ashwagandha, zuletzt etwas mit einem Namen, den er selbst nicht mehr sicher aussprechen kann. Er überlegt, ein Gerät zu kaufen, das den Vagusnerv über das Ohr stimulieren soll. Einen Ring, der seine Herzratenvariabilität misst und ihm morgens sagt, wie gut regeneriert er angeblich ist, nutzt er schon.
Dann die Frage, wegen der er gekommen ist. „Warum geht es mir trotzdem nicht besser?“
Ich kenne diese Liste. Aus der Praxis, aus den Kursen, und, wenn ich ehrlich bin, von innen. Meine ist nur diskreter. Es gibt kaum etwas Verlockenderes als die Vorstellung, dass das, was schwer ist, sich regulieren ließe. Dass es einen Hebel gibt, einen Reset, einen Griff, den man nur richtig fassen muss.
Die Sehnsucht nach der Abkürzung
Die Sprache, in der er seinen Leidensdruck beschreibt, ist neu, das Bedürfnis darunter ist alt. Früher hätte man von den Nerven gesprochen, von der Galle, von Schwermut. Heute heißt es, das Nervensystem sei aus dem Takt, der Vagus müsse zurückgesetzt, das Trauma sitze im Körper und lasse sich lösen. Die Begriffe sind biologischer geworden, präziser klingend.
Und sie versprechen etwas Tröstliches: dass das Problem im Körper sitzt, nicht in der Biografie oder im Geist. Dass etwas defekt ist, und dass man Defektes reparieren kann. Das ist keine Dummheit. Das ist Hoffnung, die sich eine Form gesucht hat, die Kontrolle verspricht.
Wenn ich selbst von der neuesten Methode lese, kenne ich beides. Zuerst dieselbe Hoffnung — vielleicht gibt es ja doch eine Abkürzung, vielleicht hat jemand etwas gefunden, das schneller hilft als das, was wir seit Jahren üben. Und dann, fast im selben Moment, eine leise Gereiztheit. Nicht gegen die Neugier, nicht gegen die Forschung. Gegen den Ton. Gegen das Versprechen von mehr Gewissheit, als die Sache hergibt.
Aber das sage ich in dieser Phase nicht. Es gibt nichts einzuwenden gegen einen Menschen, der nicht mehr leiden will.
Wie er das alles betreibt
Er lügt nicht. Die Atmung beruhigt ihn. Der Schlaf wird messbar besser. Die kalte Dusche macht wach.
Was mir auffällt, ist nicht, dass es nicht wirkt. Es ist die Art, wie er es betreibt. Nicht mit der Leichtigkeit eines Menschen, der sich etwas Gutes tun will. Eher der Ernst eines Menschen, der eine Prüfung bestehen muss. Er meditiert nicht, er absolviert Meditation. Der Ring misst nicht seine Erholung, er benotet sie. An den Tagen, an denen die Zahl schlecht ist, fühlt er sich nicht müde — er fühlt sich, als hätte er etwas falsch gemacht.
Irgendwann sage ich ihm, was ich denke: dass er sich möglicherweise mit derselben Verbissenheit erholt, mit der er arbeitet. Dass seine Entspannung aussieht wie eine zweite Schicht.
Er schweigt. Dann, fast erstaunt: „Ich glaube, ich strenge mich an, um mich zu entspannen.“
Wir lassen den Satz eine Weile stehen. Ich erkläre ihn nicht. Ich glaube nicht, dass ich ihn an dieser Stelle besser verstehe als er.
Wenn Methoden das Leiden vergrößern
Es gibt einen Moment, den ich bei vielen Menschen gesehen habe, und er ist vielleicht gefährlicher als jeder Misserfolg.
Die Methoden helfen nicht oder nur zeitweise. Das allein wäre harmlos. Aber statt zu denken, die Methoden passen vielleicht nicht, denkt der Mensch: Ich habe es falsch gemacht. Nicht genug geatmet. Nicht richtig meditiert. Noch nicht die passende Technik gefunden. Er sucht weiter, das ist sein gutes Recht. Nur sucht er jetzt nicht mehr nach Hilfe, sondern nach dem eigenen Fehler.
Und wenn auch das Nächste nicht hilft, rückt eine andere Möglichkeit näher, eine, die viel mehr wehtut: Vielleicht ist mir nicht zu helfen.
So kehrt die einfache Lösung sich um. Sie sollte das Leiden verkleinern und hat ihm eine zweite Etage gebaut. Wer vorher litt, zweifelt jetzt zusätzlich an sich. Das ist der Preis eines Versprechens, das mehr Gewissheit behauptet, als es halten kann. Es lässt den Menschen mit der Rechnung allein, wenn es nicht aufgeht — und die Rechnung lautet zu oft: an mir liegt es. Genau an dieser Stelle wird mancher umso eifriger, je weniger es nützt.
Was wir eigentlich wissen
Etwa zu dieser Zeit las ich die Arbeit von Paul Grossman und einem internationalen Forscherteam, das die Polyvagal-Theorie für wissenschaftlich unhaltbar erklärt.
Ich erwähne das, weil es leicht misszuverstehen ist. Die Kritik bestreitet nicht, dass es Stress gibt, Trauma, Heilung. Sie stellt eine unbequemere Frage: Wissen wir wirklich so genau, was biologisch geschieht, wie die gängigen Erzählungen es nahelegen?
Im Zentrum steht eine technische Beobachtung mit großen Folgen. Die Herzschlagschwankung, die mit dem Atem geht — die Größe, die sein Ring nachts misst — wird seit Jahren als direktes Maß für den Zustand des Vagusnervs ausgegeben. Genau das halten die Kritiker für einen Kategorienfehler: einen Anzeiger verwechselt mit dem, was er anzeigen soll. Das Thermometer gehalten für die Temperatur des Hauses.
Ich empfand beim Lesen keine Genugtuung. Eher jene eigentümliche Erleichterung, wenn man hört, was man längst sieht. Zwischen dem, was die Geräte messen, und dem, was dieser Mann erlebt, liegt eine Strecke, die noch niemand seriös vermessen oder erforscht hat. Die Sicherheit, mit der die Zahl gedeutet wird, ist größer als das Wissen, auf dem sie ruht. Und auf diese Sicherheit hatte er seinen Selbstzweifel gebaut.
Woher er das hat
Wir bleiben bei seinem Satz: Ich strenge mich an, um mich zu entspannen.
Ich frage nicht, was er bedeutet. Ich frage, wo er ihn gelernt habe. Und ob er sich an den ersten Ort erinnere, an dem das gegolten habe — dass man sich anstrengen muss.
Was kommt, ist keine Erkenntnis. Eher ein Wiedererkennen, langsam, fast widerwillig. Ein Haus, in dem Leistung die Währung war. Ein Vater, nicht streng, nur dann ganz da, wenn es etwas vorzuweisen gab. Und dann, leise, ein Satz, den er nicht formuliert, sondern eher vor sich hin sagt, als prüfe er, ob er stimmt:
„Ich glaube, ich wurde nur geliebt, wenn ich mich angestrengt habe.“
Er sieht mich nicht an, als er das sagt. Ich sage nichts dazu. Es gibt nichts hinzuzufügen, und alles, was ich hinzufügen würde, wäre kleiner als der Satz. Ich frage Ihn, wie er sich fühlt, wenn er dies ausspricht: traurig und erleichtert.
Was sich verändert hat
Er trägt seinen Ring noch. Wir sprechen nur nicht mehr über die Zahlen. Er begann zu schauen, in welchem Modus er „Techniken“ einsetzt. Im Selbstoptimerungs-/Leistungsmodus oder im freundlichen, absichtslosen Tun und Genießen. Nach einiger Zeit entschied er sich manche Technik oder Praktik sein zu lassen.
Vielleicht besteht die größte Gefahr der modernen Selbstoptimierung nicht darin, dass Menschen die falschen Techniken anwenden. Vielleicht besteht sie darin, dass sie irgendwann glauben, sie hätten nur noch nicht die richtige gefunden — und am Ende nicht mehr an der Technik zweifeln, sondern an sich.
Und ich frage mich, bei ihm und nicht nur bei ihm, was eigentlich geschähe, wenn ein Mensch für einen einzigen Abend nichts täte, um sich besser zu fühlen. Nicht aus Einsicht. Nur, um zu sehen, ob er es aushält.
Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch, Achtsamkeitslehrer und Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln.
