|

Die falsche Frage

Über eine Frau, die glaubt, sich verkaufen zu müssen

(Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.)

Sie kommt mit einer Frage in die Sitzung, die bereits eine Antwort enthält.

Wie muss ich mich verkaufen?

Ich höre die Frage. Und ich höre, was darunter liegt — noch bevor ich es benennen könnte. Eine Art Enge. Die Vorstellung, dass sie etwas leisten muss, um willkommen zu sein. Dass sie sich zurechtbiegen muss, bevor sie sich zeigen darf.

Ich kenne diese Enge. Ich kenne sie aus unseren gemeinsamen Begegnungen und aus den Berichten Ihrer Geschichte.


Sie sitzt mir gegenüber, Ihre Vertriebserfahrung, liegt einige Jahre zurück, zuletzt hatte Sie eine andere Aufgabe. Jetzt sucht sie wieder. Sie zweifelt — nicht nur an ihrer Bewerbung, sondern tiefer, an sich. Ob das, was sie kann, reicht. Ob sie reicht.

Während sie spricht, läuft in mir eine andere Geschichte mit. Ich sehe ein Mädchen, das früh aufgehört hat, zu fragen, was es will — weil es damals Wichtigeres gab. Eine Mutter, die nach der Scheidung Halt brauchte, sie hat der Mutter diesen Halt gegeben. Ein Vater, der nicht bestätigte, sondern kleinmachte. In diesem System war kein Platz für die Frage: Was will ich? Es gab nur: Was wird gebraucht? Wie muss ich sein, damit es funktioniert?

Das ist keine Diagnose, die ich ihr mitteile. Es ist das Wissen, das meine nächste Frage trägt.

Ich frage mich kurz, ob ich ihrer Frage folgen soll. Ob ich Ratschläge gebe, Formulierungen vorschlage, die Angst durch Kompetenz beruhige. Es wäre einfach. Es wäre auch zu wenig.


Hast du schon Stellen gesehen, die dich interessieren?

Ja.

Was findest du daran interessant?

Eine Pause. Nicht die Pause des Nachdenkens — die Pause des Überraschtseins. Als hätte sie nicht damit gerechnet, dass diese Frage an sie gestellt werden könnte. Als wäre ihre eigene Wahrnehmung kein gültiger Ausgangspunkt.

Ich weiß, warum sie überrascht ist. Ich warte. Ich spüre in mir eine leichte Ungeduld — und lasse sie stehen. Das hier braucht Raum.

Sie beginnt zu sprechen. Zögernd zuerst. Sinnvolles Produkt. Junges Team. Weniger Shareholderdruck. Nachvollziehbare Entscheidungswege. Kurzer Arbeitsweg. Sie sagt diese Dinge, als würde sie sich gleichzeitig entschuldigen dafür.

Ich höre nicht nur die Worte. Ich höre, dass sie aus einer anderen Warte als sonst so oft spricht. Dass sie etwas nennt, das ihr gehört — nicht das, was jemand anderes von ihr brauchen oder erwarten könnte.

Ich bitte sie, es auf dem Whiteboard zu notieren. Und dann, während sie schreibt: Wie geht es dir gerade?

Sie hält kurz inne. Schaut auf das, was sie geschrieben hat. Irgendwie… leichter, sagt sie. Komisch.

Nicht komisch, denke ich. Folgerichtig. Aber ich sage es nicht. Ich lasse das Wort im Raum stehen — leichter — und beobachte, wie sie selbst darin ankommt.

Ich spüre etwas, das ich nur ungenau benennen kann. Eine Art Rührung und Freude. Sie hat gerade etwas berührt, das ihr gehört — vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit ohne das leise Gefühl, dass es ihr nicht zusteht. Die Enge vom Beginn der Sitzung ist nicht mehr da. Sie sitzt anders.

Ich denke kurz an den Vater. An die Art, wie Ablehnung nicht immer laut ist — manchmal ist sie einfach die dauerhafte Abwesenheit von: Du bist gut, so wie du bist.


Weißt du, sage ich nach einer Weile, alles, was du für ein Anschreiben brauchst, steht vor dir.

Sie schaut auf das Whiteboard. Dann auf mich. Dann wieder auf das Whiteboard.

Sie strahlt.

Ich strahle nicht — aber ich bin bewegt. Das ist ein Unterschied, der mir wichtig ist.


Was in diesem Moment passiert, lässt sich nicht auf eine Technik reduzieren. Hinter einer einfachen Frage — Was findest du interessant? — steht eine ganze Geschichte. Das Wissen um ein Kind, das früh gelernt hat, sich um andere zu kümmern, bevor es sich selbst kennen durfte. Das Wissen, dass diese Frau nicht zu wenig Bewerbungskompetenz hat. Sondern dass sie gelernt hat, Ihrer eigenen Wahrnehmung nicht zu trauen.

Die Intervention wählt man nicht aus einem Werkzeugkasten. Man wählt sie, weil man weiß, wo jemand steht — und wohin ein einziger Schritt führen könnte.

Die Frage Wie muss ich sein? ist eine alte Frage. Sie hat eine Geschichte. Sie sitzt nicht im Kopf — sie sitzt im Körper, im Atem, in der Art, wie man eine Frage stellt, noch bevor man sich setzt. Man merkt sie meist nicht, bis jemand eine andere Frage stellt. Und plötzlich ist da etwas, das sich anfühlt wie: Oh. Das bin ich.

Das ist der Moment auf dem Whiteboard. Nicht die Erkenntnis — das Erleben.


Veränderung beginnt selten mit Einsicht. Sie beginnt mit Kontakt — mit dem Moment, in dem jemand sich selbst begegnet und merkt: Da ist etwas in mir, das weiß, was es will. Das sich nicht verkaufen muss. Das einfach wahrnehmen kann.

Dieser Moment verändert nicht alles. Das alte Muster bleibt — eingraviert, wird wahrscheinlich wiederkommen, besonders wenn es schwer wird. Aber es hat jetzt eine Konkurrenz. Eine Erfahrung, auf die zurückgegriffen werden kann. Eine Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, wenn man aus sich heraus handelt statt aus der Angst, nicht willkommen zu sein.

Zwei Tage später schickt sie mir das Anschreiben. Freudig.

Ich lese die Nachricht und halte kurz inne.

Nicht weil die Intervention funktioniert hat. Sondern weil sie es war, die geschrieben hat.


Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.

Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch, Achtsamkeitslehrer und Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln.

weitere Beiträge