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Wir schlafen schon lange nicht mehr miteinander

Über zwei Menschen, die nebeneinander einschlafen, und das, was darunter wartet

(Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.)

Sätze wie diese oder so ähnlich höre ich in meiner Praxis erstaunlich häufig. Manchmal von ihr, manchmal von ihm. Heute fällt er von ihr, mit einem kurzen Blick zu ihm, als müsse sie sich nochmal vergewissern, dass er das auch so sieht.

Sie sind siebzehn Jahre zusammen. Zwei Kinder, ein Haus, geteilte Logistik. Sie sitzen einander schräg gegenüber. Sie sind gekommen, um an Ihrer Beziehung zu arbeiten, wünschen sich, mehr als Paar stattzufinden. Irgendwann kommt der Satz:

Wir schlafen schon lange nicht mehr miteinander.

Er nickt. Nicht abwehrend. Eher müde. Als hätte er den Satz schon oft gehört, oder oft selbst gedacht.

Ich frage nicht, wie lange „lange“ ist. Das ist die Frage, auf die sie sich vorbereitet haben.

Wie ist das für Sie beide, das jetzt hier zu sagen?

Eine Pause.

Sie atmet aus. Eigentlich… ein bisschen erleichternd, sagt sie. Wir reden nie darüber.

Er sagt: Wir reden nicht. Wir funktionieren.

Ich lasse den Satz im Raum stehen. Wir funktionieren.


Während sie weiter erzählen — über die Kinder, die Hausaufgaben, die Schwiegermutter, die im Sommer länger geblieben ist als geplant, die Werkstattrechnung, die er am Wochenende geklärt hat, die Arbeit und die Probleme im Alltag — sehe ich etwas, das sie selbst nicht zu sehen scheinen.

Ich sehe, wie sie ihn anschaut, wenn er zu sprechen beginnt. Eine winzige Bewegung des Kopfes. Ein kurzes Aufmerken. Ich sehe, wie er die Hand kurz hebt, als wollte er ihren Arm berühren, und sie dann wieder sinken lässt — nicht weil er nicht möchte, sondern weil er sich nicht sicher ist, ob es passt.

Die Lust ist nicht weg. Sie ist nur unter etwas anderem.

Unter der Mutterrolle, die die Kinderarzttermine im Kopf hat. Unter dem Mann der arbeitet und der die Werkstattrechnung klärt. Unter der Organisatorin, die das Pfand im Kofferraum nicht vergisst. Unter dem Vater, der den Sohn zum Sport fährt. Es ist scheinbar schwer, jemanden zu begehren, der gerade die Mülltonne rausstellt. Und vielleicht schwerer, sich von jemandem begehren zu lassen, der einen gerade dabei beobachtet hat, wie man die Mülltonne rausstellt.

Was ich da beobachte, ist mittlerweile untersucht. Simone Buzwell und ihr Team an der Swinburne University haben 2022 im Journal of Sex Research gezeigt, was viele Paare seit Jahren in ihren Wohnungen erleben: Je ungleicher die mentale Last in einer Beziehung verteilt ist oder verteilt zu sein scheint — wer plant, wer organisiert, wer mitdenkt, wer abends im Kopf noch die Geburtstagsgeschenke der nächsten Woche durchgeht — desto stärker sinkt das Begehren auf den Partner. Das Bemerkenswerte daran: Die Lust selbst bleibt meist intakt. Was schwindet, ist nicht das Verlangen — sondern das Verlangen auf den anderen. Auf den Menschen, den man am Abend noch wegen der Spülmaschine ansprechen musste.

Die Soziologin Allison Daminger hat diese unsichtbare Arbeit in vier Anteile zerlegt: vorausdenken, erkennen, entscheiden, beobachten. Es ist die Arbeit, die kein nicht sichtbar ist und auf keinem Haushaltsplan steht. Eine Arbeit, die sich abends nicht ausschalten lässt. Wenn der Kopf nie aus ist, ist der Körper auch nicht ganz an.


Ich frage: Was würde gerade passieren, wenn Sie sich anschauen würden?

Sie zögern. Es ist die Art von Frage, die kleiner klingt, als sie ist.

Sie schauen sich an. Kurz. Etwas zu kurz, um etwas zu erleben — lang genug, um zu merken, dass sie das schon lange nicht mehr getan haben.

Er sagt leise: Ich dachte immer, sie will nicht mehr.

Sie schaut ihn an. Jetzt richtig. Ich dachte, du findest mich nicht mehr… — sie sucht das Wort — …anziehend.

Beide schweigen.

Ich auch.

Es ist nicht der Moment für eine Erklärung. Es ist der Moment, in dem das, was sie jahrelang übereinander gedacht haben, erstmals sichtbar im Raum steht. Beide hatten eine oder mehrere Phantasien über den anderen. Beide hatten die Phantasien geglaubt. Niemand hatte gefragt.

In der Gestalttherapie würde ich das Projektionen nennen. Wir haben jede Menge davon. Hier sage ich es nicht. Es würde die beiden kleiner machen, als sie gerade sind.

Aber ich sehe, was diese Projektionen über die Jahre ausgelöst haben. Sie haben nicht nur zwei Menschen voneinander entfernt. Sie haben das Verhalten der beiden geformt — leise, Abend für Abend, ohne dass jemand es bemerkt hat. Sie hat sich abgewandt, weil sie sicher war, dass er nicht mag, was er sieht. Er hat nicht gefragt, weil er sicher war, dass sie ohnehin nicht möchte und sich deswegen abwendet. Beide haben sich wahrgenommen, jeden Tag — aber durch die Brille einer Annahme, die sie nie überprüft haben.

So wird aus einer Phantasie eine Beziehung. Genauer: So wird die Beziehung zu der Phantasie, die zwei Menschen übereinander haben — bestätigt jeden Abend dadurch, dass beide sich entsprechend verhalten. Das Schweigen des einen wird zum Beweis für die Annahme des anderen. Das Wegdrehen wird zum Beleg. Das Nicht-Fragen zum Argument. Und so führen zwei Menschen mit den besten Absichten genau das herbei, wovor sie sich am meisten fürchten.

Das ist der Punkt, an dem etwas anderes möglich wird. Nicht weil etwas gelöst wäre. Sondern weil zum ersten Mal sichtbar ist, was zwischen ihnen stand — und damit aufhört, unsichtbar zu wirken.


Was ich in diesen Sitzungen häufig sehe, ist nicht das Ende der Lust. Es ist eine Konstellation, in der zwei Menschen aufgehört haben, sich gegenseitig zuzumuten, dass sie es noch miteinander als Paar ernst meinen könnten.

Esther Perel hat das in Mating in Captivity in einen Gedanken gefasst, der mich seit Jahren begleitet: Erotik braucht etwas Fremdes, häusliche Liebe braucht etwas Vertrautes. Wir wollen beides vom selben Menschen — und sind erstaunt, dass es nicht von allein gelingt.

Ulrich Clement, der die deutsche Sexualtherapie über Jahrzehnte geprägt hat, nennt das, worauf sich viele Paare nach Jahren einpendeln, den kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Sexualität, gegen die niemand etwas hat. Die Sexualität, für die niemand mehr aufsteht.

Rosemary Basson, eine kanadische Sexualmedizinerin, hat schon Anfang der Zweitausender beschrieben, was viele Paare nicht wissen: In Langzeitbeziehungen entsteht Lust selten von allein. Sie kommt nicht vor der Berührung. Sie kommt durch die Berührung. Wer auf das spontane Begehren wartet, das er vor zwanzig Jahren kannte, wartet auf einen Zustand, den der Körper unter den Bedingungen eines langen gemeinsamen Lebens nur selten von selbst herstellt.

Wenn ich davon erzähle — und ich erzähle selten in der ersten Sitzung davon — passiert oft etwas Leises. Das Paar hört auf, sich selbst als gescheitert zu erleben. Manchmal höre ich dann den Satz: Wir dachten, mit uns stimmt etwas nicht.

Mit Ihnen stimmt etwas. Nur nicht das, was Sie dachten. Sie haben seit Jahren das Leben miteinander gestemmt — und sind dabei zu Eltern, Versorgern, Organisatoren geworden. Diese Rollen nehmen Raum. Mehr, als man denkt. Hinzu kommt, dass wir im Alltag oft in diesen Rollen gewohnt sind, zu wissen, was richtig und falsch ist, uns in Projektionen und im Autopiloten verlieren. Wir gewöhnen uns dann daran zu sagen: So ist das eben, wenn man dies oder jenes macht. Wir leben mehr in der Phantasie über die Dinge als im echten Kontakt mit Ihnen und unserem Gegenüber.


Am Ende der Sitzung gebe ich ihnen keine Übung. Keine Aufgabe. Kein Vorhaben.

Ich frage nur, ob sie sich heute Abend, wenn die Kinder schlafen, fünf Minuten Zeit nehmen können, um sich gegenseitig zu erzählen, was sie heute über sich gedacht haben — etwas, das der oder die andere nicht weiß.

Nicht mehr.

Sie schauen sich an. Sie nicken.

Was ich nicht ausspreche: Die Übung ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist bereits geschehen. Sie haben heute erfahren, was zwischen ihnen stand. Nicht als Idee. Als Erlebnis. Und wer einmal erlebt hat, dass eine jahrelange Annahme nur eine Annahme war, kann sie nicht mehr für die Wirklichkeit halten. Das ist nicht wenig. Das ist der Boden, auf dem etwas Neues stehen kann.


Zwei Wochen später kommen sie wieder. Beide etwas anders. Nicht repariert. Aber anders.

Sie sagt: Es war erst peinlich. Dann ging es. Wir haben über Dinge geredet, die wir uns Jahre nicht getraut haben.

Er sagt: Ich dachte immer, ich kenne sie.

Sie schauen sich an. Es ist nicht romantisch. Es ist nüchtern. Aber zwischen ihnen ist Raum entstanden, in dem vorher die alten Annahmen standen.

Was neu ist, ist nicht das Verlangen. Das war nie ganz weg.

Neu ist, dass sie aufgehört haben, sich gegenseitig leise abzusprechen, dass es da sein darf.

Im Sitzen nimmt er ihre Hand. Sie schaut auf seine Hand. Dann zu mir. Nicht stolz. Eher überrascht.

Als wäre da etwas, das sie beide gerade zum ersten Mal sehen.

Manchmal sieht ein Neuanfang genau so aus.


Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.

Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch, Achtsamkeitslehrer und Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln.

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