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„Der will mich kleinmachen“

Über die kurze Strecke zwischen dem, was jemand tut, und dem, was ich darüber weiß


Der will mich kleinmachen.

Er sagt den Satz ruhig. Nicht empört, eher wie jemand, der einen Befund mitteilt, den er schon länger kennt und nicht mehr überprüfen muss.

Er sitzt sehr aufrecht. Die Hände liegen flach auf den Oberschenkeln, als müssten sie dort etwas festhalten. Er erzählt von einer Besprechung am Vormittag. Er hatte angefangen, einen Gedanken zu erklären, und der Kollege neben ihm hatte zu reden begonnen. Mitten in seinem Satz.

Das ist unangenehm. Ich zweifle keinen Moment daran, dass es ihn getroffen hat.

Was mich aufmerken lässt, ist etwas anderes. Er erzählt nicht, was passiert ist. Er erzählt, was der andere wollte.


Was eine Kamera gesehen hätte

Ich bitte ihn, die Szene noch einmal zu beschreiben, aber so, wie eine Kamera sie aufgenommen hätte. Nur das, was man hätte filmen können.

Er setzt an. Er hat mich abgewürgt. Ich frage, wie das auf dem Film aussähe. Er überlegt. Er hat angefangen zu reden, bevor ich fertig war. Und dann, frage ich. Er hat über etwas anderes gesprochen. Über die Zahlen für das nächste Quartal.

Er hält inne und lacht kurz, ein wenig ratlos.

Als Beweismittel ist das überschaubar.

Ich frage, was in ihm geschehen ist, in dem Moment, als der andere zu reden begann. Das geht schneller. Heiß im Gesicht. Und so ein Zusammenziehen, hier. Er legt die Hand auf den Bauch.

Drei Dinge liegen jetzt nebeneinander, die eben noch eines waren. Jemand, der zu früh zu reden beginnt. Hitze im Gesicht und ein Ziehen im Bauch. Und ein Satz darüber, was in einem fremden Kopf vorgeht.

Das Erste und das Zweite hat er wahrgenommen. Das Dritte ergänzt er durch eine Vorstellung.


Das Wort davor

Ich frage ihn nicht, ob er sich sicher ist. Das würde nur Gründe hervorbringen, und Gründe hat er.

Ich bitte ihn stattdessen, den Satz noch einmal zu sagen. Genauso wie vorhin, nur mit einem Wort davor.

Vielleicht will der mich kleinmachen.

Er sagt es. Und dann geschieht etwas, das er nicht erwartet hat. Die Hände lösen sich von den Oberschenkeln. Er sinkt ein wenig in den Sessel, als hätte ihm jemand eine Stütze weggezogen, von der er nicht wusste, dass er sich darauf lehnte.

Wie ist das, frage ich. Was merken Sie jetzt.

Er braucht eine Weile.

Dann bleibt ja nur übrig, dass ich mich so klein gefühlt habe.

Der Satz liegt zwischen uns. Ich lasse ihn stehen.


Die mittlere Zone

John O. Stevens, der Fritz Perls’ „Gestalt Therapy Verbatim“ herausgegeben hat, beschreibt in „Die Kunst der Wahrnehmung“ eine schlichte Landkarte der Bewusstheit. Sinngemäß unterscheidet er drei Zonen. Die äußere: was ich sehe, höre, rieche. Die innere: was ich in meinem Körper spüre. Und dazwischen eine mittlere Zone, in der wir deuten, vermuten, erinnern, planen und erklären.

Die mittlere Zone ist nicht das Problem. Ohne sie käme niemand durch einen Tag. Schwierig wird es, wenn sie sich als äußere ausgibt. Wenn eine Vermutung so schnell kommt, dass sie sich anfühlt wie etwas, das ich wahrgenommen habe.

Eine Absicht kann man nicht sehen. Man sieht ein Gesicht, eine Bewegung, einen Zeitpunkt, an dem jemand zu reden beginnt. Die Absicht liegt auf der anderen Seite, in einem Menschen, zu dem ich keinen direkten Zugang habe. Wer sie trotzdem sicher weiß, hat aus einer Vermutung eine Wahrnehmung gemacht.

In der Gestalt nennen wir das eine Projektion. Ich lege etwas in den anderen hinein und finde es dann dort wieder, mit großer Deutlichkeit.

Martin Buber hätte vielleicht gesagt, dass der andere damit zum Es wird. Zu einem Gegenstand meiner Gewissheit, eingeordnet und erledigt. Ein Du bliebe er nur, solange er mir noch etwas antworten kann, das ich nicht schon weiß.


Ärger hat eine Richtung

Warum greift die mittlere Zone so schnell nach einer Absicht? Ich glaube nicht, dass es Misstrauen ist. Eher eine Art Erste Hilfe.

Hitze im Gesicht, ein Ziehen im Bauch, das Gefühl, in einem Raum voller Menschen plötzlich kleiner zu sein als eine Minute zuvor. Das ist schwer auszuhalten, gerade weil es keinen Grund hat, den man anfassen könnte. Es ist einfach da.

Die Absicht gibt ihm einen Grund. Und sie verwandelt es. Aus dem Kleinsein wird Ärger, und Ärger fühlt sich deutlich besser an. Er richtet auf. Er hat ein Gegenüber und eine Richtung.

Kleinsein hat keine.

Das ist keine Schwäche und kein Denkfehler. Es ist eine alte, sehr wirksame Art, sich in einem Moment zu halten, in dem der Boden nachgibt. Wer so reagiert, hat irgendwann gelernt, dass man mit Ärger besser auf den Beinen bleibt als mit Scham.

Nur hat es einen Preis. Das eigene Gefühl wandert in den Kopf des anderen und wird dort zu dessen Plan. Was in mir geschehen ist, gehört dann ihm. Und solange es ihm gehört, kann ich es nicht anschauen und ich komme möglicherweise nicht in meine eigene Größe.


An der Ampel

Mir geht es nicht anders, und meistens geht es bei mir schneller, als mir lieb ist.

Vor ein paar Wochen scherte auf der Stadtautobahn jemand knapp vor mir ein. Mein Fuß war auf der Bremse, bevor ich irgendetwas gedacht hatte. Die Hände fester am Lenkrad, der Kiefer zu. Eine halbe Sekunde später kam der fertige Satz: Der macht das mit Absicht.

An der nächsten Ampel standen wir nebeneinander. Ich sah hinüber, bereit für einen Blick, der mir recht geben würde. Der Fahrer beugte sich über das Handy in der Halterung und suchte offensichtlich nach dem Weg. Er hatte mich nicht gesehen. Er hatte, soweit ich das beurteilen konnte, überhaupt niemanden gesehen.

Mein Ärger stand an der Ampel und wusste nicht, wohin.

Übrig blieb der Schreck. Den hatte ich bis dahin gar nicht bemerkt.

Diese Geschwindigkeit hat ihren Wert. Sie hat mich oft handlungsfähig gehalten, wo ein Schreck mich nur gelähmt hätte. Und sie hat ihren Preis. Sie überspringt genau das, was zuerst da war. Ich bin dann schon wütend, bevor ich überhaupt erschrocken sein durfte.


Manchmal stimmt es

Ich will das nicht kleiner machen, als es ist. Es gibt Menschen, die andere kleinmachen wollen. Es gibt Besprechungen, in denen genau das geschieht, mit Absicht und mit Methode. Wer das erlebt, braucht kein Vielleicht, sondern Klarheit und manchmal Unterstützung.

Auch dann hilft die Kamera mehr als die Gewissheit. Sie haben mich jetzt dreimal unterbrochen ist ein Satz, gegen den sich wenig einwenden lässt. Sie wollen mich kleinmachen eröffnet eine Debatte, die man nicht gewinnen kann, weil sie in einem Kopf stattfindet, in den man nicht hineinsieht.

Und ich traue auch meinem eigenen Vorschlag nicht ganz. Ein Vielleicht, das man sich vorschreibt, ist noch keine Offenheit. Es kann genauso gut ein Weg sein, den Ärger gar nicht erst zu fühlen, so wie die Absicht ein Weg war, das Kleinsein nicht zu fühlen. Dann hätte ich nur die Ausrede gewechselt.

Ein Maulkorb mit guten Manieren.

Das Wort soll nicht beschwichtigen. Es soll das Gefühl dorthin zurückbringen, wo es entstanden ist.


Wer am Montag wie groß ist

Gegen Ende der Stunde ist nichts gelöst. Der Kollege hat ihn unterbrochen, und er wird es vermutlich wieder tun. Vielleicht will er ihn tatsächlich kleinmachen. Vielleicht hat er es einfach eilig.

Er weiß es nicht mehr. Das ist neu, und es ist ihm sichtlich nicht angenehm. Aber er sitzt anders als am Anfang. Aufrechter, etwas mehr da.

Beim Hinausgehen bleibt er in der Tür stehen. Am Montag sitze er wieder neben ihm, sagt er. Und dann, mehr zu sich selbst:

Mal sehen, wer dann wie groß ist.

Ich frage nicht, wen er damit meint.

Vielleicht weiß er es selbst noch nicht.


(Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.)

Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln, Zen-Praktizierender und MBSR-Lehrer.

Der nächste Starttermin für eine 3-jährige Ausbildung ist der 23.10.2027 – am Freitag, den 9.10.2026 – 18.30-21.00 Uhr und Freitag, 12.02.2027 – 18.30-21.00 Uhr gibt es kostenlose Informationsveranstaltungen. -> Details zur nächsten Ausbildung in dialogischer Gestalttherapie und Gestaltberatung

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