Nicht jede Grenze schützt
Über den Unterschied zwischen einer Grenze und einer Mauer
[Die folgende Begegnung ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.]
„Ich habe gelernt, meine Grenzen zu setzen.“
Ich höre diesen Satz inzwischen so oft, dass ich aufmerksam werde, wenn er fällt. In der Einzelarbeit, in Ausbildungsgruppen, bei Abendessen unter Menschen, die mittlerweile etwas über sich gelernt haben.
Meistens klingt er nach einem Fortschritt. Meistens ist er das auch.
Da sagt jemand Nein. Hört auf, sich fortlaufend anzupassen. Erfüllt nicht mehr jede Erwartung, nur damit niemand enttäuscht ist. Jemand hat gemerkt, dass der innere Antreiber „Mach’s allen recht“ einen ziemlich langen Beipackzettel hat.
Das kann ein wichtiger Schritt sein. Manchmal ein überlebenswichtiger.
Und trotzdem werde ich bei diesem Satz aufmerksam. Nicht weil ich etwas gegen Grenzen hätte. Sondern weil ich mich frage, was mit „Grenze“ eigentlich gemeint ist und weil er so inflationär ausgesprochen wird.
Was übrig bleibt
Vor einiger Zeit saß mir eine Frau gegenüber, die sehr genau beschreiben konnte, was sie nicht mehr wollte. Sie zählte es auf, ruhig, geordnet, ohne Groll, so wie jemand eine Liste vorliest, an der lange gearbeitet wurde. Menschen, die ihr Energie nahmen. Gespräche, in denen sie sich rechtfertigen musste. Eine Freundschaft, die sich nicht mehr richtig anfühlte. Kolleginnen, die ihre Grenzen nicht respektierten. Eine Schwester, mit der sie nur noch selten sprach.
Sie hatte in den vergangenen Jahren einiges verändert. Und während sie erzählte, saß sie sehr aufrecht.
Ihr Leben schien ruhiger geworden zu sein. Lebendig wirkte sie nicht.
Irgendwann fragte ich sie, wer ihr eigentlich noch nahe komme.
Sie sah mich an. Der Atem ging einmal höher und blieb dort. Dann schwieg sie, länger, als Schweigen normalerweise dauert, und ich wusste in diesem Moment selbst nicht, ob die Frage die richtige gewesen war.
Was sie dann sagte, war kein Durchbruch. Sie sagte, sie wolle einfach nicht mehr verletzt werden. Und dann, leiser, dass sie ziemlich allein sei.
Wir haben daraus nichts gemacht. Es gab nichts zu erklären.
Ich lasse sie an dieser Stelle stehen, weil der Rest dieses Textes nicht ihr gehört. Er gehört einem Satz, der weit über sie hinausgeht.
Die Grenze ist kein Zaun
In der Gestalttheorie ist die Grenze nicht das, was zwischen mir und dir liegt wie eine Wand. Perls und Goodman beschreiben sie sinngemäß als den Ort, an dem Kontakt überhaupt stattfindet — die Kontaktgrenze ist nicht das Ende der Begegnung, sie ist ihr Schauplatz.
Ohne sie gäbe es keinen Kontakt, sondern nur Verschmelzung.
Wenn ich nicht weiß, was ich empfinde, brauche oder ablehne, verschwimme ich mit dem anderen. Dann sage ich Ja und meine Nein. Dann spüre ich mein Gegenüber deutlicher als mich. Dann werde ich freundlich, verständnisvoll, verfügbar — und innerlich vielleicht immer leerer.
Eine Grenze macht Begegnung erst möglich. Hier bin ich, dort bist du, und dazwischen geschieht etwas.
Genau deshalb ist sie etwas anderes als eine Mauer. Eine Grenze, die nur schließen kann, ist keine mehr. Sie ist ein Bauwerk.
Wie gut man erklären kann
Ich kenne das von innen.
Wenn ich mich kritisiert fühle, weiß ich manchmal erstaunlich schnell, warum der andere Unrecht hat. Das geht so zügig, dass es kaum wie Denken aussieht. Es fühlt sich eher an wie Wissen.
Vor langer Zeit bekam ich eine Rückmeldung, die mich traf. Innerhalb weniger Sekunden hatte ich eine Erklärung für den Menschen, der sie gab — für seine Lage, seine Motive, seine vermutliche Geschichte. Die Erklärung war nicht einmal schlecht. Sie war nur außerordentlich praktisch: Sobald ich ihn verstanden hatte, musste ich nicht mehr spüren, was seine Worte mir ausmachten. Aber wirklich gesehen hatte ich weder ihn noch mich.
Wir verfügen heute über eine bemerkenswerte Menge psychologischer Begriffe, mit denen sich begründen lässt, warum man sich einem bestimmten Menschen nicht länger aussetzen muss. Er projiziert. Er respektiert keine Grenzen. Er ist toxisch. Er triggert.
Manchmal stimmt das.
Es gibt Manipulation, es gibt Gewalt, es gibt Beziehungen, die Menschen krank machen können, und es gibt Situationen, in denen Abstand die gesündeste erreichbare Antwort ist. Manche Grenzen entstehen, weil vorher keine respektiert wurde. Manche Türen sind zu, weil zu oft jemand ungefragt hindurchgegangen ist. Das sollte man nicht romantisieren, und ich gehöre nicht zu denen, die anderen erklären, sie müssten jetzt einfach wieder mehr vertrauen.
Ich frage mich nur, ob dieselbe Sprache noch etwas anderes für uns erledigt: die Zumutung, dass ein anderer Mensch anders ist als ich.
Dass er mich missversteht. Dass er mich enttäuscht. Dass er etwas über mich sagt, das ich nicht hören wollte, ja nicht mal intendiert hatte. Dass ich mich in seiner Gegenwart klein fühle, oder wütend, oder neidisch, oder beschämt.
Nicht jedes unangenehme Gefühl bedeutet, dass eine Grenze verletzt wurde.
Manchmal bedeutet es, dass Kontakt stattfindet und dass ab hier wirkliche Begegnung beginnt.
Was der andere nicht sein kann
Vielleicht liegt hier eine Schwierigkeit unserer Zeit. Wir haben gelernt, sehr aufmerksam darauf zu achten, ob Beziehungen uns guttun, und ich halte das für eine gute Entwicklung — jedenfalls solange sie nicht in eine Vorstellung von Beziehung kippt, in der eine gute Beziehung vor allem eine ist, in der ich mich möglichst selten unwohl fühle.
Der andere soll meine Bedürfnisse verstehen. Meine Grenzen respektieren. Meine Sprache verwenden. Meine Entwicklung unterstützen.
Und wenn das ausbleibt, stellt sich ziemlich schnell die Frage, ob dieser Mensch überhaupt noch in mein Leben gehört.
Ich verstehe die Sehnsucht dahinter. Auch ich möchte Beziehungen, in denen ich mich sicher fühle. Aber ich möchte noch etwas anderes: Beziehungen, in denen ich wirklich vorkomme. Und dafür brauche ich manchmal auch jemanden, der nicht vollständig zu mir passt.
Hartmut Rosa hat für diesen Gedanken einen Begriff, der mir seit Jahren nachgeht: Resonanz setzt Unverfügbarkeit voraus. Was ich vollständig steuern kann, kann mich nicht mehr berühren. Ein Gegenüber, das sich meinen Erwartungen fügt, hört auf, ein Gegenüber zu sein.
Wer mir wirklich begegnet, wird mich irgendwann enttäuschen. Nicht weil er schlecht wäre. Sondern weil er nicht ich ist.
Er wird etwas wollen, was ich nicht will. Er wird einen Moment haben, in dem er mich nicht versteht. Er wird etwas Ungeschicktes sagen. Er wird mich mit einer Seite von mir konfrontieren, die ich lieber nicht ansehe.
Und ich werde dasselbe mit ihm tun.
Zwei Sätze
Vielleicht besteht Beziehung nicht darin, diese Momente zu verhindern. Vielleicht besteht sie darin, herauszufinden, was wir dann tun.
Ziehe ich mich zurück. Greife ich an. Erkläre ich dem anderen, was psychologisch mit ihm nicht stimmt. Oder bleibe ich einen Moment länger.
Nicht grenzenlos. Nicht unterwürfig. Nicht um jeden Preis. Nur einen Moment länger.
Und sage vielleicht: Als du das gesagt hast, habe ich gemerkt, wie ich sofort zumache.
Das ist etwas anderes als: Du überschreitest gerade meine Grenze.
Der zweite Satz kann vollkommen richtig sein. Der erste eröffnet einen Raum, in dem wir beide noch vorkommen.
Von außen sehen die beiden Situationen manchmal fast gleich aus. Innerlich sind sie vollkommen verschieden.
Was sich nicht versöhnen lässt
Wir wollen geschützt sein. Und wir wollen berührt werden. Wir wollen unabhängig sein und dazugehören. Wir wollen Nein sagen können und gleichzeitig hoffen wir, dass jemand bleibt.
Diese Bedürfnisse lassen sich nicht vollständig miteinander versöhnen. Das gehört, glaube ich, zu den Zumutungen von Beziehung, und es hilft wenig, das wegzuoptimieren.
Ich glaube deshalb nicht, dass wir weniger Grenzen brauchen. Vielleicht brauchen wir beweglichere. Grenzen, die nicht nur aus Angst entstanden sind. Grenzen, die ich wahrnehmen kann, während ich mit jemandem in Kontakt bleibe.
Manchmal heißt das: Bis hierhin. Das mache ich nicht mit. Ich gehe.
Und manchmal heißt es: Das tut gerade weh. Ich merke, wie ich mich zurückziehen will. Und ich möchte verstehen, was hier zwischen uns passiert, damit ich bleiben kann.
Eine Grenze, die wirklich meine ist, muss ich nicht aus einem Ratgeber übernehmen. Ich kann sie spüren. Manchmal wird sie fest, manchmal durchlässig, manchmal verändert sie sich, während ich dem anderen gegenübersitze.
Seit einiger Zeit beschäftigt mich deshalb eine Frage, die ich manchmal Klientinnen und Klienten stelle und manchmal mir selbst.
Schütze ich mich gerade — oder verhindere ich Kontakt?
Ich kenne darauf nicht immer sofort eine Antwort. Vielleicht ist gerade das der Punkt. Denn wer sie immer sofort weiß, hat vermutlich aufgehört zu fragen.
Die Begegnung in diesem Text ist keine Beschreibung einer einzelnen Person. Sie verdichtet Erfahrungen aus vielen Gesprächen. Personen, Alter, Lebensumstände und andere Details wurden verändert, zusammengeführt oder neu gestaltet.
Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Ausbilder für GestalttherapeutInnen in Köln, Zen-Praktizierender und MBSR-Lehrer.
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