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An Dich, der sich ändern will

Warum Persönlichkeitsentwicklung in Erschöpfung enden kann

Du willst dich ändern.

Gut. Begrüßenswert. Fortschrittlich. Passt ins Weltbild.

Nur eine Frage: Wer soll sich da eigentlich ändern?

Ich kenne das. Jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang, wollte ich auch anders sein. Ruhiger. Gelassener. Weniger reaktiv. Weniger getrieben. Weniger ängstlich. Mehr Zen, weniger Mensch – so ungefähr. Manchmal schraube ich immer noch an mir herum, kämpfe innerlich, erschöpfe mich darin.

Das hat nicht funktioniert.

Nicht, weil ich zu wenig wollte, sondern weil ich zu viel wollte – und das, was wirklich darunter liegt, (noch) nicht gesehen wurde.

Das Problem mit dem Ändern-Wollen

Wer sich ändern will, sagt damit oft gleichzeitig: So wie ich bin, reicht es nicht. Ich bin nicht gut genug.

Das klingt bescheiden. Es ist es nicht.

Es ist eine Form von Krieg. Gegen sich selbst. Mit sehr schlechten Erfolgsaussichten – denn man kämpft auf beiden Seiten.

Der Teil von dir, der sich ändern will, kämpft gegen den Teil von dir, der so ist, wie er ist. Und der Teil, der so ist, wie er ist, hat jahrzehntelange Übung. Der gewinnt meistens.

Wie das in der Gestalt-Praxis aussieht

Ein Mann sitzt mir gegenüber. Mitte vierzig. Inhaber eines Unternehmens, gut organisiert, klare Sprache. Er hat eine Liste mitgebracht. Nicht auf Papier – im Kopf. Aber man spürt sie.

Er will geduldiger werden. Präsenter. Weniger kontrollierend. Er will besser zuhören. Will seine Frau nicht mehr unterbrechen. Will aufhören, in Meetings sofort die Lösung zu liefern, bevor jemand das Problem zu Ende gedacht hat.

Gute Ziele. Vernünftig. Nachvollziehbar.

Ich frage ihn: Wofür ist diese Ungeduld gut?

Er stutzt. Was meinst du?

Worum geht es deiner Ungeduld eigentlich?

Stille.

Dann er: Ich habe Angst, dass Dinge schiefgehen, dass wir Zeit verlieren, wenn wir uns nicht schneller entscheiden. Ich sehe die Konsequenzen wie ein offenes Buch vor mir liegen. Die Welt dreht sich so schnell, und wir dürfen keine Zeit verlieren, sonst gehen wir unter.

Ich frage: Und wie ist es, das auszusprechen?

Er: Das ist interessant. Es ist erleichternd, das einmal auszusprechen.

Ich: Und was geschieht jetzt, wenn deine Angst ausgesprochen werden darf?

Er: Das entspannt mich. Ich denke, dass meine Ungeduld etwas schützen will und etwas Gutes darin liegt. Dass sie für alle um mich herum etwas Positives sein könnte, obwohl ich heute dafür von ihnen kritisiert werde. Letztlich wünsche ich mir von anderen, dass sie meine Erfahrung und Sichtweise mehr mit einbeziehen. Ich möchte nicht mehr mit den anderen kämpfen oder gegen mich.

Das ist der Moment. Nicht der Moment der Veränderung – der Moment davor. Der Moment, in dem jemand aufhört, sich zu bekämpfen, und anfängt, sich selbst umfassender zu sehen.

Als er geht, hat sich etwas in seinem Gesicht verändert. Nicht dramatisch. Kein Zusammenbruch, kein Durchbruch. Eher so, als würde jemand eine Faust öffnen, von der er nicht wusste, dass er sie geballt hat.

Was hier geschieht, ist das Paradox der Veränderung in Aktion. Er hört einen Moment auf, seine Ungeduld loswerden zu wollen. Er beginnt, sie zu sehen – mit allem, was darunter liegt: der Angst, dem Wunsch nach besserem Kontakt mit anderen, dem Wunsch nach mehr innerem Frieden.

In dem Moment, in dem er das tut, passiert etwas, das er zwanzig Jahre lang nicht erzwingen konnte: Er wird ruhiger. Nicht, weil er sich dazu zwingt, sondern weil der Kampf aufhört. Er lernt sich selbst besser kennen und wird sich selbst gegenüber aufrichtiger.

Das ist kein kleiner Prozessschritt. Es ist der Schritt, in dem ein Mensch aufhört, sich zu reparieren, und anfängt, sich mehr zu „bewohnen“.

In der Gestalt nennen wir das den Shift, der nicht gemacht wird, sondern geschieht, wenn sein darf, was wirklich ist. Man kann ihn nicht planen. Man kann nur die Bedingungen schaffen, unter denen er möglich wird. Und die erste Bedingung ist: aufhören, gegen sich selbst zu arbeiten.

In den nächsten Sitzungen berichtet er, dass er neue Wege geht und Erstaunliches geschieht. Er berichtet davon, dass er sich Sätze sagen hört wie: „Ich habe Angst, dass das schiefgeht und dass wir Zeit verlieren. Ich wünschte, wir könnten auf meine Perspektive in dieser Situation zurückgreifen, statt miteinander zu kämpfen. Ich will niemanden damit klein machen oder überrollen.“ Der Kontakt mit sich selbst und anderen habe sich dadurch verändert. Es gibt mehr Miteinander statt Gegeneinander. Im Innen und im Außen.

Was Gestalt dazu sagt

„Arnold Beisser – Psychiater, Gestalttherapeut und Schüler von Fritz Perls – hat das die paradoxe Theorie der Veränderung genannt. Sie lautet so: Veränderung geschieht nicht, wenn ich versuche, jemand anderes zu sein, sondern wenn ich ganz der werde, der ich gerade wirklich bin.“

Das klingt nach einer dieser Weisheiten, die man auf Kühlschrankmagneten findet. Es ist aber gemeingefährlich.

Denn es bedeutet: Bevor du dich änderst – schau erst mal wirklich hin. Was ist da eigentlich? Nicht, was du dir wünschst, das da ist. Sondern, was wirklich da ist.

Was der Zen Meister Kodo Sawaki dazu sagte

Kodo Sawaki ist einer der bekanntesten Zen-Meister Japans.

Sawaki war weniger höflich.

Er schrieb: „Die meisten Menschen verbringen ihr Leben damit, zu werden, was sie nicht sind, und vergessen dabei, wer sie sind.“

Ich würde ergänzen: Und wundern sich dann, warum sie erschöpft sind.

Was also tun?

Nichts, außer erstmal hinschauen.

Nein – wirklich. Erst mal nichts anderes.

Nicht im Sinne von aufgeben. Im Sinne von: hinschauen, bevor du handelst. Wahrnehmen, bevor du veränderst. Verstehen, bevor du verbesserst.

Das klingt leicht. Es ist das eines der schwierigsten Dinge, die ich kenne. Es ist aufwändig und erfolgsversprechender.

Denn hinschauen heißt nicht analysieren. Es heißt nicht, eine Erklärung zu finden, einen Grund, eine Geschichte, die alles zusammenhält. Hinschauen heißt: erforschen und aushalten, was da ist. Ohne es sofort einzuordnen. Ohne es besser zu machen.

Es heißt zu bemerken: Ich bin gerade ungeduldig. Nicht: Ich bin schon wieder ungeduldig. Der Unterschied ist ein ganzes Leben.

Im ersten Fall schaust du hin. Im zweiten urteilst du. Und das Urteil ist der Beginn des nächsten Krieges.

Was genau willst du ändern? Und warum? Und wessen Stimme ist das – die sagt, dass du so nicht sein darfst?

Das sind keine rhetorischen Fragen.

Das sind Fragen, die zählen.

Und dann

Manchmal passiert etwas Merkwürdiges, wenn man wirklich hinsieht.

Man entdeckt, dass das, was man ändern wollte, gar nicht so falsch war. Oder dass es einen Grund hat. Oder dass es schützt. Die Gestalttherapie nennt das: Widerstand als Beistand.

Und oft — nicht immer, nicht garantiert — verändert sich dann etwas. Ohne dass man es erzwingt. Nicht weil man es geschafft hat, anders zu sein. Sondern weil man aufgehört hat, es zu versuchen und die Energie auf etwas anderes lenkt: auf Gewahrsein. Das Wort klingt sperrig, meint aber etwas Einfaches: Wahrnehmen, was gerade ist — ohne es sofort zu bewerten, einzuordnen oder zu verändern. Nicht Analyse. Nicht Reflexion. Eher eine Art weite Aufmerksamkeit, die mehr Raum schafft, wo vorher nur Enge war.

Der Klient in der Praxis hat das nicht gelernt wie eine Technik. Er hat es zugelassen. In dem Moment, in dem er seiner Ungeduld nicht mehr ausweichen musste, konnte er sehen, was darunter lag. Und in dem Sehen lag bereits die Bewegung.

Das ist das Eigentümliche am Gewahrsein: Es verändert nichts. Und verändert alles.

Sawaki hätte es vermutlich anders ausgedrückt: „Du kannst nicht einmal einen Furz mit deinem Nächsten austauschen. Jeder einzelne von uns muss sein eigenes Leben leben.“*

Aber gemeint hätte er dasselbe.


Alexander Kopp ist Gestalttherapeut, Zen-Mönch und Ausbilder für Gestalttherapeut*innen in Köln.

Die Texte in dieser Reihe sind eine Hommage an den japanischen Zen Meister Kodo Sawaki — nicht seine Worte, aber seinem Geist folgend.

Wer war Kodo Sawaki?

Kodo Sawaki lebte von 1880 bis 1965. Er war japanischer Zen-Meister, Wanderer und einer der unbequemsten Lehrer des 20. Jahrhunderts. Seinen Spitznamen „der Landstreicher Kodo“ verdiente er sich durch pausenlose Reisen durch ganz Japan — er lehrte überall, hatte keinen festen Tempel, keine Gemeinde die er verwaltete, keine Karriere die er pflegte.

1949 wurde er zum fünften Abt des Antaiji-Klosters in Kyoto ernannt — eines der bedeutendsten Zen-Klöster Japans, dessen Traditionslinie bis heute weltweit wirkt. Erst 1962, drei Jahre vor seinem Tod, zog er sich ganz dorthin zurück.

Er sagte was er sah. Ohne Rücksicht auf Erwartungen, ohne spirituelle Verpackung, ohne den Trost den manche für Erleuchtung halten.

Seine Texte tragen den Titel „An Dich“ — im japanischen Original Jiko. Nicht an alle. An Dich. Die Person die gerade liest. Die Person die sich erkennt. Oder die sich nicht erkennt — und genau deshalb gemeint ist.

Diese Textreihe ist eine Hommage an ihn. Nicht seine Worte — aber sein Geist. Der Geist der direkt anspricht, nicht schont, und gleichzeitig nie vergisst: Ich sitze hier mit Dir. Nicht über Dir.


*„An Dich“, Angkor Verlag, übersetzt von Muhō

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